Der Wiener Erzbischof beklagt, dass wegen der Debatte um Missbrauch und Misshandlung wichtige gesellschaftliche Themen wie Armut zu kurz kommen. Foto: apa
Der Wiener Erzbischof beklagt, dass wegen der Debatte um Missbrauch und Misshandlung wichtige gesellschaftliche Themen wie Armut zu kurz kommen. Foto: apa

In der Öffentlichkeit entstand der Eindruck des Vertuschens - weniger wegen der österreichischen Fälle, sondern weil es zu Beginn in Deutschland eher kalmierende Stellungnahmen gab und auch der Vatikan nicht besonders geschickt vorging.

Negativer Höhepunkt war sicher die Aussage vom Kurien-Kardinal und ehemaligen Staatssekretär Angelo Sodano zu Ostern, der über die Missbrauchsfälle als "Geschwätz" sprach. Kirchen-Insider glauben, dass die zu Beginn der Debatte verhaltene Reaktion Roms auf eine "fehlende Internationalität der römischen Kurie und fehlende Koordination der internen Institutionen" zurückzuführen sei. Auch Kardinal Schönborn soll für seinen offenen Stil der Aufklärung wenig Applaus aus Rom erhalten haben. Papst Benedikt XVI. hätte sich dagegen immer korrekt verhalten. Dem Vernehmen nach wird derzeit eine Vergebungsbitte des Papstes vorbereitet, die im Juni als Brief an alle Priester gerichtet werden soll.

Austritte belasten das Budget der Diözese

Der Wiener Erzbischof konzedierte am Mittwoch, dass die Austrittswelle unvermindert anhalte und dies auch im Budget der Erzdiözese Wien spürbar werde - ohne Details zu nennen.

Und er beklagt, dass die Missbrauchsfälle viele Themen überlagern, die gesellschaftlich wichtig seien. "Die Caritas hat eine Initiative, bei der Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben werden (LeO - Lebensmittel und Orientierung, Anm.). Daran beteiligen sich bereits 20 Pfarren." Armut sei ein gesellschaftliches Problem, dem sich die Kirche annehmen müsse. Schönborn scheut nicht vor einem großen Vergleich zurück: "Der heilige Franziskus war nicht geplant. Er hat aber die Kirche und Europa verändert. Solche Eruptionen kann es heute auch geben."

Der 65-jährige Kardinal, der in der Kirche als Vordenker gilt, regt an, in der Kirche heikle Themen offener zu beleuchten. "Beim Thema Homosexualität etwa sollten wir stärker die Qualität einer Beziehung sehen. Und über diese Qualität auch wertschätzend sprechen. Eine stabile Beziehung ist sicher besser, als wenn jemand seine Promiskuität einfach auslebt." Schönborn kann auch der Wiederverheiratung von Geschiedenen Positives abgewinnen. "Die Kirche braucht da eine neue Sichtweise. Viele heiraten heute ja gar nicht mehr."

Der in Vorarlberg aufgewachsene Kardinal nennt dies den Wandel einer "Pflicht-Moral" hin zu einer "Moral des Glücks" und plädiert für das altbewährte Prinzip der Gradualität. Dabei steht nicht die Sünde im Zentrum der Betrachtung, sondern der Versuch, den Geboten zu entsprechen. Nicht nur die Gesellschaft, auch die Kirche stehe vor einem Paradigmenwechsel.

Für heute, Donnerstag, hat die Plattform "Betroffene kirchlicher Gewalt" zu einem Hearing ins Parlament geladen. Dabei sollen Betroffene die Möglichkeit eines direkten Treffens mit Politikern haben. Die Plattform pocht auf die Einrichtung einer staatlichen Kommission zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und eines kirchlichen Entschädigungsfonds.

Bischof Fischer beim Papst: Rücktritt?

Misshandlung durch kirchliche Würdenträger dürfte auch ein Thema bei einer Audienz des umstrittenen Feldkircher Bischofs Elmar Fischer bei Papst Benedikt XVI. am Mittwoch gewesen sein. Über den genauen Inhalt des Gesprächs schwieg sich die Kirche aus. In Fischers Heimat Vorarlberg gab sein Gespräch mit dem Papst Anlass zu Spekulationen. Der Bischof steht spätestens seit den gegen ihn erhobenen Prügel-Vorwürfen unter Druck. So soll es Stimmen innerhalb der Vorarlberger Priesterschaft geben, die Fischer zum Rücktritt bewegen wollen. Angeheizt werden die Rücktritts-Spekulationen auch durch Informationen aus Kirchenkreisen, wonach sich Fischer in der vergangenen Woche angeblich mit dem Apostolischen Nuntius in Österreich, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen, getroffen hat.