Wie ein soziales Netzwerk

Als "ungefiltert und redaktionell unabhängig" bezeichnet CNN die Plattform. Sie funktioniere wie ein soziales Netzwerk: 100.000 registrierte Nutzer veröffentlichen laut CNN monatlich mehr als 15.000 Berichte, die von monatlich 2,3 Millionen Nutzern abgerufen werden. Die US-Konkurrenzsender Fox News, MSNBC und ABC betreiben mit uReport, FirstPerson und i-Caught ähnliche Experimente. CNN verfügt mit iReport.com eigenen Angaben zufolge über die meistbesuchte Online-Plattform dieser Art.

Wer veröffentlicht, überträgt CNN das unbegrenzte Recht, die Beiträge kostenlos zu nutzen und redaktionell zu bearbeiten. CNN produziert mit "News To Me" und "iReport for CNN" mittlerweile zwei Sendungen, die aus Amateurvideos bestehen. Echte Nachrichten wie das Video vom Amoklauf in Virginia finden sofort ins Programm. Bilder von Verwüstungen durch Naturkatastrophen sind weltweit besonders beliebt. Im US-Präsidentschaftswahlkampf waren Statements der Bürger zu beiden Kandidaten gefragt.

CNN nennt die Nutzer Reporter und spricht von Bürgerjournalismus. "Unabhängig" bedeutet bei iReport.com aber nicht, dass ein Journalist die Beiträge prüft. Bei iReport.com bedeutet ungefiltert und unabhängig das Gegenteil: unabhängig von jeder journalistischen Kontrolle, also ungeprüft. Nutzt oder schadet iReport.com dem Journalismus?

Bürgerjournalismus habe es immer gegeben, behauptet Nick Wrenn, einer der Chefs der digitalen Dienste bei CNN International. Wrenn erwähnt Leserbriefschreiber und den Amateur, der den Mord an John F. Kennedy filmte. Natürlich gebe es Journalisten, die skeptisch seien, besonders in Deutschland. Die Deutschen fragten: Kann man diesen Berichten trauen? Nick Wrenn erklärt, er könne solche Frage verstehen. Er selbst betrachte das "von Fall zu Fall".

Steve Jobs für tot erklärt

Der Fall Steve Jobs also. Der Chef des Computerherstellers Apple gilt in seinem Unternehmen als unersetzbar. Deshalb ließ die Nachricht, Jobs habe einen schweren Herzinfarkt erlitten, den Börsenkurs von Apple im Oktober 2008 um 5,4 Prozent einbrechen. Ein gewisser "johntw" hatte die Nachricht auf iReport.com platziert. Sie war frei erfunden. CNN betont, dass die Meldung nicht auf CNN gelaufen sei. Der Sturz des Börsenkurses bedeutet aber, dass Nutzer nicht differenzieren und Anleger der Nachricht glaubten. Die Glaubwürdigkeit von CNN überträgt sich teilweise auf iReport - und vermutlich überträgt sich auch die Unglaubwürdigkeit von iReport auf CNN.

Das beste Argument für die Integration von Amateurvideos sind Bilder aus Kriegsgebieten wie Georgien oder Ländern, in denen keine Pressefreiheit herrscht. Für ihren Beitrag über zwangsenteignete Bauern in China wurde die Korrespondentin des Schweizer Fernsehens Barbara Lüthi 2008 als deutschsprachiger "CNN Journalist of the year" auszeichnet. Das Video wurde mit einem Handy aufgenommen und stammte aus dem Jahr 2005. Sie habe es bei einem Vortrag abgefilmt, sagte Lüthi. Natürlich habe sie Angehörige zum Schauplatz geführt und dort erzählen lassen, wie sechs Bauern erschlagen wurden. Aber das Amateurvideo war als Beleg nicht ersetzbar, und ein solcher Beleg sei wichtig, wenn Behörden in China Zeugen einschüchtern. Lüthi ist bei Dreharbeiten schon mehrfach verhaftet worden; sie weiß, wovon sie spricht. Aber, so Lüthi, eine solche Amateursequenz als Beleg sei ein Einzelfall, nicht die Regel.