Beim Wechsel von der Donau an die Spree hat das "Fledermaus"-Ensemble eine grundlegende Veränderung durchgemacht: Helene Grass (ganz links), Stella Grigorian (zweite von links), Christine Schäfer (fünfte von rechts) und die Gäste des Prinzen Orlowski, wie Regisseur Christian Pade sie sieht. Foto: Ruth Walz
Beim Wechsel von der Donau an die Spree hat das "Fledermaus"-Ensemble eine grundlegende Veränderung durchgemacht: Helene Grass (ganz links), Stella Grigorian (zweite von links), Christine Schäfer (fünfte von rechts) und die Gäste des Prinzen Orlowski, wie Regisseur Christian Pade sie sieht. Foto: Ruth Walz

Die dünnste Stelle bei einer solchen Regieexkursion sind die Dialoge. Mit deren Neufassung kommen Regisseur Christian Pade und sein Dramaturg Oliver Binder heuer in Berlin erstaunlich unfallfrei ans hiesige Ufer. Es funktioniert geradezu fabelhaft, wie da der erste Akt mit allen Zutaten in ein sparsam designtes Berliner Penthouse verlegt, das Abschiedsessen vom Rosalinde kurzerhand beim Chinesen geordert wird und sich Eisenstein in Schale wirft, um dem Prekariat zu zeigen, wo der Hammer hängt. Oder wie dann im dritten Akt der maßvoll dosiert zur Frosch-Hochform auflaufende Michael Maertens DDR-Devotionalien vom Telefon Mielkes bis zu den Schlüpfern von Margot Honecker verhökert und damit den Bühnenbild-Kopfstand des Luxusappartements jetzt als Gefängnis, wie einen Kopfstand der Verhältnisse im Osten Berlins, ironisiert und beglaubigt.

Ein Jung-Oligarch namens Orlowski

Im zweiten Akt macht Pade aus Orlowski eine Art ausgeflippten Jung-Oligarchen (jedenfalls mehr Tokio Hotel als russischer Adel), der in seinem Laden von der Börsen-Zocke bis zur abgedrehten Russendisco alles schon durch hat und es jetzt mal mit Falks Vorführmaskerade und einer ungarischen Gräfin versucht. Das funktioniert mit dem ausführlichen Ballett (mit Accelerationen Walzer und der ungarischen Polka "Eljen a Magayar") nicht wirklich. Ziemlich viel Gehopse einer schrillen Truppe wie beim Grand Prix.

Auf der kurz hereingerollten Mülltonne steht die Aufschrift Hypo. Gemeint ist der entsprechende Banken-Crash. Der Tanz auf dem Vulkan der aktuellen Krise wird zwar behauptet, nicht aber aufgegriffen. Am Ende setzt sich im Duidu-Gewusel doch der Walzer durch. So ist das Ganze wie ein etwas seltsamer Burger, der ausnahmsweise mal ein knackiges Ober- und Unterteil hat, aber einen etwas zäh diffusen Belag dazwischen. Also mehr eine Burger-Maus, als eine Fleder-Maus mit Höhenflug.

Das gilt auch fürs Musikalische. Martin Gantner ist dabei ein souverän angemessener Eisenstein. Silvana Dussmann merkt man ihre Rosalinde-Erfahrung an, so dass sie sich mit dezenter spielerischer Selbstironie über die stimmlichen Csárdás-Klippen rettet. Elegant nur in der Erscheinung ist der gleichwohl nicht ideal besetzte Roman Trekel als Strippenzieher Falke.

Stella Grigorian kann ihren Orlowski nicht immer gegen dessen punkigen Habitus wirklich durchsetzten und Christine Schäfer zeigt zwar viel Bein, aber erst als Unschuld vom Lande Adele-Format.

Dirigent Zubin Mehta und die Staatskapelle sind mit Schwung bei der Sache, bieten soviel Wiener Charme auf, wie es in Berlin halt geht. Es ist nicht mehr ganz das Hoheitsgebiet von seiner Majestät Champagner dem Ersten, aber im Ganzen doch erfreulich nah dran.

Operette

Die Fledermaus

Von Johann Strauß

Christian Pade und Oliver Binder (Regie und Dramaturgie)

Zubin Mehta (Dirigent)

Mit: Martin Gantner, Silvana Dussmann, Christine Schäfer, Michael Maertens, Stella Grigorian, u.a.

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

(Tel.: 0049 30/20 35 45 55)

Wh.: 25., 27., 29. November;
1., 3., 6. Dezember