Seit 50 Jahren kommen Kopten wie Muslime von Ägypten nach Österreich, freilich nicht als Gastarbeiter. "Der ehemalige Präsident Gamal Abdel Nasser lehnte eine Abwerbeabkommen wie es zwischen Österreich und der Türkei bestand ab", so Elkharat. "Er wollte nicht, dass seine Landsleute Gastarbeiter werden." Die Zahl an Kopten, die das Land verlassen, nimmt seit den 70er Jahren zu. "Damals begann die Unterdrückung der Kopten", meint Wadie Dawoud, der zum Kirchenrat des koptischen Klosters in Obersiebenbrunn gehört. "Die meisten gingen in die USA. Dort leben heute zwei Millionen Kopten." Auch ägyptische Wissenschafter und Politiker suchten das Weite.

Mittlerweile gibt es drei koptische Kirchen in Wien. "Etliche Ägypter kamen als Zeitungsverkäufer zu ihrem Visum", berichtet Kamal Abd El Nour, Präsident des Vereins "Integration koptischer und österreichischer Freundschaften". Dass sei auch der Grund für die große Dichte koptischer Christen in Österreichs Hauptstadt. "Viele - auch ich - kamen zuerst als Tourist nach Österreich. Damals konnte man noch nach drei Monaten das Tourismus-Visum verlängern, und das gelang am einfachsten über die Arbeit als Zeitungsverkäufer. Damit war man Freiberufler und musste Steuern zahlen, die aber nicht für Pension und Krankenversicherung verrechnet wurden."

Lange Zeit waren fast alle Zeitungsverkäufer Ägypter. Einige kombinierten die Arbeit mit dem Studium. Geistlich betreut wurden die Kopten seit 1973 von einem Priester, der Messen in der Kirche des Heiligen Markus in Wien-Donaustadt Messen feierte, die damals die katholische Kirche der koptischen Gemeinde zur Verfügung stellte. 1998 - beim Besuch des koptischen Papstes Schenouda III. - wurde der Grundstein zu einer weiteren Kirche im 22. Bezirk gelegt. Seit 2000 gibt es das Bistum für Österreich und die deutschsprachige Schweiz mit Bischof Anba Gabriel an der Spitze. 2003 wurde die koptisch-orthodoxe Kirche Religionsgemeinschaft anerkannt.

Ebenso wie einige Muslime haben auch manche koptische Familien Angst vor der "Freizügigkeit des Westens". Viktor Elkharat berichtet, dass starre Haltungen in Erziehungsfragen auch zu Konflikten führten. "Manche Eltern sind Holzköpfe." Es falle aber der zweiten Generation nicht schwer, ihre koptische Identität in einer anderen Gesellschaft beizubehalten. "Man kann die Kinder nicht von dieser Gesellschaft trennen", so Elkharat.

Öffentliche Aufmerksamkeit erregten in den letzten Jahren Demonstrationen der Kopten vor UNO und Außenministerium. Ihr Protest richtete sich gegen Massaker an ihren Verwandten in Ägypten, deren Lage - so erklären viele - sich in den letzten Jahrzehnten massiv verschlechtert habe. "Entführungen, Vergewaltigungen, Zwangsislamisierungen und gezielte Tötungen stehen heute auf der Tagesordnung", erzählt Wadie Dawoud. Für Victor Elkharat ist die Regierung mit schuld: "Seit 1971 wurden 4000 Kopten ermordet. Bis heute wurde niemand verurteilt." Heute seien die Kopten weltweit vernetzt und würden auf die Situation in Ägypten aufmerksam machen. "Unsere Familien in Ägypten haben nichts mehr zu verlieren. Deswegen wagen wir es, öffentlich darüber zu sprechen", meint Elkharat.

Wirbel um "Kopten-Vortrag"

Obgleich die Kopten betonen, an einem guten Verhältnis zu den Muslimen interessiert zu sein, sorgt das Thema für Spannungen. "In Wien erschienen bereits Zeitungsartikel von Kopten wegen der angeblichen Unterdrückung der Christen in Ägypten", vermerkt Elsayed Elshahed, Leiter des Instituts für interkulturelle Islamforschung im Islamischen Zentrum in Wien, kritisch. "Damit ist das Problem auch bei uns aktuell. Die Ausschreitungen gegen Kopten sind ein aktuelles Thema in den Massenmedien, das viel zu emotional angegangen wird."

Elshahed wollte deshalb einen Vortrag zur Lage der Kopten im islamischen Zentrum halten, um auf die politische Ursachen der Konflikte einzugehen. Seine Suche nach einem koptischen Koreferenten blieb erfolglos, ebenso sein Versuch, den Vortrag Ende September in der Kulturabteilung der ägyptischen Botschaft zu halten. In letzter Sekunde wurde die Veranstaltung abgesagt, nachdem sich einige Kopten beim Botschafter gemeldet hatten. Der Vortrag sei auf einen späteren Termin "verschoben" worden, betont die Botschaft. "Kopten und Muslime sollen das Problem gemeinsam anpacken", meint Elshahed.