Der heute 52-Jährige, der im Mittelpunkt eines der größten Finanzskandale in Österreichs Kriminalgeschichte steht, soll sich in den Neunzigerjahren mit Scheinfirmen und Scheinprodukten um 116,3 Millionen Euro - damals 1,6 Milliarden Schilling - bereichert haben. Sein Akt umfasst mittlerweile rund 250.000 Seiten.

1,6 Mrd. Schilling durch "Steuer-Embargo"

Werner Rydl hat die letzten 14 Jahre in Brasilien verbracht; seit 2005 war er inhaftiert. Kürzlich ist er unfreiwillig und in Handschellen wieder nach Wien zurückgekehrt, wo ihm vermutlich nächstes Jahr der Prozess gemacht wird. Der gebürtige Niederösterreicher, dessen Lieblingssatz "Ich bin kein Betrüger" lautet, will mit der Finanz freilich lediglich "Meinungsverschiedenheiten" ausgetragen haben.

Der gelernte Chemiker aus Pottendorf hatte in Österreich laut eigenem Bekunden schlechte Erfahrungen gemacht: So wurde er Mitte der Achtzigerjahre wegen eines vermeintlichen Versicherungsbetrug zu zehn Monaten Haft verurteilt - angeblich ungerechtfertigt, weil sein Geständnis in der U-Haft erprügelt worden sei. Das schien ihn fortan zu prägen.

Rydl wurde Geschäftsmann und baute aus dem Nichts ein imposantes Firmengeflecht auf - darunter die in Pottendorf, Tattendorf und Wien ansässigen Firmen Fink GmbH, Lamprecht GmbH und Fruchtvertrieb GmbH. Alles in allem soll er Anfang der Neunzigerjahre 15 Unternehmen, bei denen er großteils stiller Gesellschafter war, mit insgesamt 250 Mitarbeitern kontrolliert und zu einem verwirrenden geschäftlichen Netzwerk formiert haben.

Schon 1989 hatte er der Finanzprokuratur hochoffiziell angekündigt, dass er fortan keine Abgaben mehr abführen werde. Was die Behörde offenbar als Meinungsäußerung eines Spinners nicht ernst genommen hat. Nur so ist es zu erklären, dass Rydls Firmen jahrelang nahezu unbehelligt weiterarbeiten durften und er dem Staat einen beträchtlichen Schaden zufügen konnte.

Die Binsenweisheit, dass man als Verkäufer einer Ware laut Umsatzsteuergesetz 20 Prozent vom Käufer zwar mitkassieren darf, diese Abgabe jedoch an die Finanz abführen muss, war ihm egal: Rydl tat das konsequent nicht. Im Laufe der Jahre kam er dank seines "Steuer-Embargos" in den Genuss von 1,6 Milliarden Schilling - in heutiger Währung 116 Millionen Euro.

Scheinfirmen mit teurer Schwindelware?

Der clevere Kaufmann, der sich beispielsweise mit Kosmetika, Baumaschinen oder Paddelbooten befasst hat, stellte eine erstaunliche Kreativität unter Beweis, was ihm später von Medien Spitznamen wie "Robin Hood" oder "Superhirn" einbrachte. Einer seiner Tricks: Über mehrere Scheinfirmen importierte er billige Waren nach Österreich, um diese mit meist gigantischem Preisaufschlag wieder zu exportieren. Dem Finanzamt wurden sodann die Rechnungen vorgelegt, womit er sich die Vorsteuer von 20 Prozent sicherte.

Der Vorwurf: Die Produkte seien - wie die Behörden etliche Jahre später herausfanden - stets nur einen Bruchteil dessen wert gewesen, was in den Fakturen aufschien und wurden oft "nur zum Zwecke des vorsätzlichen Vorsteuerschwindels in den Kreislauf geschickt" (Verwaltungsgerichtshof am 17. Oktober 2001). Die dargestellte Geschäftskette, zu der beispielsweise die Rydl gehörende brasilianische Intertrade Ltd. zählte, habe ebenso wenig den Tatsachen entsprochen wie die wertsteigernden Veredelungen. Kurz: Die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Vorsteuer waren nicht gegeben.

Das hat Rydl, den Erfinder des "Handels ohne Mehrwertsteuerabgabe" (ein Ermittler), aber nie gestört: Er drehte seinen Abnehmern etwa Bienenhonig aus Uruguay als Gelée Royal an, deklarierte zersägte Ytong-Steine als Sintersteine und verkaufte billiges Rosenwasser als hochwertiges Parfum. Aber nicht nur (Schein-)Waren vermittelte er, sondern auch Zwischenhändler oder Endabnehmer - in den meisten Fällen war er das ohnedies selbst.

Partner für die angeblichen Supergeschäfte zu finden, war kein Problem - diese hatten wohl keine Ahnung, was gespielt wurde. Die Fink GmbH etwa handelte mit einem klebrigen, honigähnlichen Zeug, das für 172 Schilling pro Kilo importiert und nach einer "Veredelung" zu einem Preis wieder exportiert wurde, der 15.000 Prozent über dem wahren Wert lag.

Vermeintliche Sintersteine, die Rydl zu einem Nettopreis von 360.000 Schilling pro Kiste fakturierte, waren zersägte, mit grauem Lack gestrichene herkömmliche Ytong-Steine, die im Baustoffhandel 26 Schilling pro Quader gekostet hatten. Rydl stellte auch Stäbe aus einer Aluminiumlegierung her, die an einem Ende mit einem Gewinde versehen waren und als "Elektrodenmaterial" zu einem Exportpreis von 10.860 Schilling pro Stück fakturiert wurden. Die Ware funktionierte naturgemäß nicht im Ansatz und war praktisch wertlos.

Schließlich schickte er einmal 681 Liter Parfumöl aus Österreich an eine Firma in Montevideo und wieder zurück, wobei der Literpreis zunächst 113 Schilling betrug, sich jedoch - nachdem die Ware in andere Behälter verpackt wurde - auf 62.000 bis 130.000 Schilling erhöhte.

Ex-Partner pleite, Verwandte in Haft

Obwohl Werner Rydl in wenigen Jahren ein beträchtliches Vermögen angehäuft hatte, gelangte er zur Auffassung, dass es in Österreich "keine sinnvolle gesellschaftliche Entwicklung mehr gibt". Er brachte die entzogenen Steuermillionen im Ausland in Sicherheit, "um den Zugriff der österreichischen Finanz zu verhindern", und setzte sich Mitte 1995 nach Brasilien ab. Durch Heirat wurde er "begeisterter" brasilianischer Staatsbürger. Und lebte fortan mit seiner Angetrauten, die ihm zwei Kinder schenkte, in einem blauen Wohnturm. Ende 1997 brüstete er sich dem "Wirtschaftsblatt" gegenüber, dass er mit fast 150 Handelspartnern im EU-Raum zusammenarbeite. Aber: "Die Finanz weiß bestenfalls über 20 Prozent meiner Geschäfte Bescheid."