Manche Musikerlebnisse offenbare ihre ganze Tragweite erst am Tag danach. Da ist zunächst das unmittelbare Erleben des Konzertendes. Das Nachlassen der konzentrierten Spannung, der Applaus, das Aus- und Aufatmen. Darüber hinaus gibt es aber noch ein Gefühl, das, nachdem es über Nacht langsam eingesickert ist, einem in den nächsten Tagen klar macht, etwas Besonderes erlebt zu haben. Die Darbietung des Pianisten Igor Levit von Dmitri Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen op. 87 im Wiener Konzerthaus war so ein Abend. Ein Ereignis mit Depotwirkung. Zweieinhalb Stunden reine Spielzeit. Höchst (mitunter zu) anstrengend, vor allem zum Zuhören. Dass einige Besucher nach dem ersten Teil ihr Aufmerksamkeitspensum erreicht hatten, ist vollkommen verständlich. Und doch gehört auch das Durchhalten zu diesem Wagnis.

Komponiert in den 1950er Jahren, folgte Schostakowitsch klar Johann Sebastian Bachs Tradition des "Wohltemperierten Klaviers". Abwechslungsreich, vielfarbig und facettenreich ist dieser Zyklus, durchdrungen von der Zerrissenheit und Dramatik des Lebens seines Schöpfers. Meisterhaft dargeboten von Igor Levit. Höchst strukturiert und mit einer wohl derzeit einzigartigen Klangpalette. Hervorstechend ist der seidig weiche Diskant. Zarte Spinnweben, diffuse Nebelschwaden, geheimnisvolles Murmeln. Als wäre es ein präpariertes Klavier, hörte man plötzlich ein Xylofon und eine Celesta. Knallharte Bassschläge und virtuose Rasanz führten im zweiten Teil kurzfristig zu Zwischenapplaus. Letzten Endes Jubel, Stolz, Begeisterung und Ermattung.