"Wiener Zeitung": Frau Gathmann, warum sind Sie Sexualtherapeutin geworden?

Sandra Gathmann: Ich hatte schon früh den Eindruck, dass alles, was mit Sexualität zu tun hat, mir ein Stück weit vorenthalten wurde. Weil ich ein neugieriger Mensch bin, denke ich, dass das, was einem vorenthalten wird, auch interessant ist. Man kann nicht nicht über Sexualität kommunizieren, aber man kann nicht über Sexualität sprechen. Sowohl in der Schule, als auch im Studium, bei Fortbildungen, aber auch in meiner Familie war Sexualität nie Thema, aber immer da. Gerade als Frau war es in einer Zeit, in der die Sozialen Medien noch nicht allgegenwärtig waren, schwer, an interessante, lustvolle Informationen über Sexualität zu kommen, die jenseits von Warnhinweisen oder Verklärungen waren. Es gab irgendwie nichts dazwischen. Daraus ist eine große Neugier entstanden. Für mich ist Sexualität wie eine Vergrößerungslinse für alles, was mich interessiert.

Wie meinen Sie das?

Es fließt alles in Sexualität zusammen: Wie Menschen miteinander umgehen, was für Sehnsüchte sie haben, Kunst, Politik, Religionen, wie mit Minderheiten umgegangen wird. Wie Menschen Sexualität leben können und welche Normen und Werte entstehen, ist maßgeblich davon beeinflusst, wie permissiv eine Gesellschaft ist. Wie mit Gleichbehandlung, reproduktiven Rechten oder sexueller Bildung umgegangen wird, ist abhängig vom politischen Boden. Das klingt alles so abstrakt, hat aber sehr reale Auswirkungen auf das Alltagsleben. Wenn ich zum Beispiel daran denke, wie lange verschiedene sexuelle Orientierungen und Identitäten nicht nur tabuisiert und pathologisiert, sondern auch unter Strafe gestellt waren.

Wie reagieren Menschen, wenn Sie sagen, dass Sie als Sexualtherapeutin arbeiten?

Ich nenne es die EAV-Reaktion: Exhibitionismus, Angst, Voyeurismus. Exhibitionismus, da viele sich gleich bemüßigt fühlen, mir sehr Intimes zu erzählen - oft auch Dinge, die ich in diesem Rahmen nicht unbedingt wissen möchte. Angst, weil es die Vorstellung gibt, dass alle im psychosozialen Bereich arbeitenden Menschen - und gerade Sexualtherapeutinnen - über einen magischen Röntgenblick verfügen und etwas sehen können, was man gar nicht zeigen will.

Ist das so?

Viele Jahre Arbeit mit Menschen schulen den Blick. Aber das ist eher eine Berufsbehinderung. Ich versuche, Hypothesen über Menschen möglichst rasch zu verwerfen. Ich halte es auch in meinen Therapiesitzungen so, dass ich mir Protokolle absichtlich nicht durchlese, damit ich dem Menschen weiterhin alles zutraue und nicht bei dem verhaftet bleibe, was ich in der letzten Sitzung über sie oder ihn gedacht habe. Und mit Voyeurismus meine ich, dass mir viele Fragen gestellt werden, welche Menschen zu mir kommen und um welche Themen es geht. Sexualität ist natürlich ein spannendes Thema. Interessant finde ich, dass Exhibitionismus, Angst und Voyeurismus eigentlich auch Grundkompetenzen der Sexualität sind: sich zeigen zu können, neugierig zu sein und ein gewisses Maß an Angst oder Spannung - das sind die Grundpfeiler der Erregung.