Weite Teile von Philipp Weiss’ fünfbändigem Romanwerk spielen im fernen Japan, ein Band im zeitlich fernen 19. Jahrhundert. Die Aufzeichnungen des neunjährigen Akio berichten vom Tsunami in Tohoku und dem Atomunfall im AKW Fukushima - das alles hat er erlebt, ein bisschen viel für einen kleinen Jungen. Ähnlich ergeht es Paulette Blanchard, die die Pariser Kommune, die Wiener Weltausstellung und die Anfangszeit der Meiji-Revolution erlebt.

Der Autor hat alles so eingerichtet, dass die Figuren mit ihren Erzählungen möglichst viel Geschichts- und Katastrophenträchtiges transportieren können. Hinzu kommen die wissenschaftlichen Darlegungen einer anderen Blanchard, Chantal, betreffend Entstehung, Entwicklung und Untergang des Menschen, der Erde und des Universums. Von edler Naivität durch Allwissen zum Weltüberdruss, so könnte man die Gesamtlinie zusammenfassen. Ein bisschen viel, was die Figuren da auszuhalten haben, aber sei’s drum, der Leser wird klüger. Vielleicht. Sofern etwas von all dem ausgebreiteten Material hängen bleibt.

Beachtliche Konstruktion

Es könnte also sein, dass er, der Leser, über respektvolle Bewunderung nicht hinauskommt. Das läge dann eher an literarischen Aspekten, an narrativen Konstruktionen, an der Figurengestaltung. Zum Beispiel kann ich mir, in Kenntnis japanischen Alltags, nicht vorstellen, dass einem Neunjährigen in der Extremsituation Akios über Tage hinweg kaum ein Gedanke an Schule und Schulfreunde durch den Kopf schießt.

Eine Seltsamkeit dieser Art stößt mir auch im Paulette-Band auf, dessen letzter Teil im Japan der Meiji-Zeit spielt: Als sie einmal nach Hause kommt - sie hat einen japanischen Chirurgen geheiratet -, ruft sie "okaerinasai" statt "tadaima". Okaerinasai ist der Gruß der im Haus Gebliebenen, die den Heimkehrenden empfangen. Mir ist diese Verwechslung auch oft passiert, und dass Paulette, die sich ohnehin erstaunlich schnell, in wenigen Wochen, an die neue Sprache und Umgebung anpasst, sich da vertut, ist nur natürlich. Beim Lesen hatte ich aber den Eindruck, dass hier die angestrengte Sorgfalt der Autor-Lektor-Gemeinschaft nicht ausgereicht hat.

In einem anderen Band, wo der österreichische Lover der französischen Superwissenschafterin Chantal den Erzähler gibt, ist ebenfalls Japan (und am Ende wiederum Fukushima) ein wichtiger Schauplatz. Hier scheint man bei Suhrkamp nur auf das Japanische geachtet zu haben, während man beim Paulette-Band sicher auch das Französische im Auge hatte (obwohl es im Vergleich zu den japanischen Abschnitten, wo ordentlich sprachliche Kenntnisse gezeigt werden, ein bisschen armselig wirkt, wenn die Gallizismen dort über das doofe "Chapeau!" und "Voilà!" nicht hinausgehen).