Wien. Am Notenpult ist er genauso zu Hause wie am Flughafen: Paavo Järvi (55) zählt zu den Global Players der Dirigentenzunft. Der Este arbeitet in Fernost und Europa und macht hierzulande vor allem mit der Kammerphilharmonie Bremen Furore. Ab heute, Donnerstag, gastiert er mit ihr im Musikverein.

"Wiener Zeitung": Wer Ihnen auf Twitter folgt, bekommt den Eindruck, Sie dirigieren immer und überall. Wie oft reisen Sie?

Paavo Järvi:(lacht) Kommt drauf an. Wenn ich nach Japan fliege, bleibe ich normalerweise ein Monat dort. Auf Tournee reist man natürlich täglich.

Sind Sie immun gegen Jetlag?

Nein, dafür gibt es leider keine Kur. Ich habe alles ausprobiert, da muss man durch. Was ich nicht nehmen will, sind Medikamente. Viele Musiker tun das, ich halte es für gefährlich.

Sie sind an drei Orten Chefdirigent. Nächstes Jahr übernehmen Sie zudem das Tonhalle-Orchester Zürich. In Summe nicht etwas viel?

Derzeit sind es nur zwei reguläre Ensembles: die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und das Japanische NHK Symphony Orchestra. Das Estonian Festival Orchestra arbeitet nicht regelmäßig.

Sie tourten jüngst durch China und attestierten dem Land ein hohes "Potenzial für klassische Musik". Wie meinten Sie das genau?

Es wäre möglich, dass China der nächste große Standort für klassische Musik wird. Als Herbert von Karajan anfing, nach Japan zu fahren, wurde das scheel beäugt. Aber er hatte recht: Das Land avancierte zum asiatischen Mekka der Klassik. China war damals noch außerhalb der Reichweite, es stand unter strenger kommunistischer Kontrolle. Inzwischen ist es zugänglicher geworden. Ich denke, das Land will nun aufholen und die schrecklichen Folgen der Kulturrevolution abschütteln. Heute hat man in China den Eindruck, dass jede Stadt einen neuen, großen Konzertsaal besitzt, es fließt viel Geld in die Klassik. Als ich mit dem Tonhalle-Orchester dort war, gastierten zugleich vier weitere bedeutende Orchester Europas.

Kommt diese Begeisterung aus der Bevölkerung - oder von der Führungsriege, die den wirtschaftlichen Kontakt zum Westen sucht?

Beides, glaube ich. Und ich denke, dass Karrieren von Pianisten wie Lang Lang zur Begeisterung beitragen. Solche Stars schaffen Rollenmodelle. Vor allem denke ich: Die Menschen sehnen sich nach etwas für die Seele - gerade an einem Ort, wo durch die Kulturrevolution so viel zerschlagen wurde. Die klassische Musik kann hier etwas beitragen. Für die Japaner und Chinesen ist es einfach, die Töne von Mozart und Bach zu verstehen. Warum auch immer, es gibt da einen emotionalen Zugang.