Hätte das Konzerthaus nicht am Mittwoch bekanntgegeben, dass es seine Schulden gemeinsam mit der öffentlichen Hand tilgt - man hätte meinen können, das Problem sei bereits am Dienstagabend in Eigenregie aus der Welt geschafft worden. Und zwar auf einen Schlag. Als Grigory Sokolov am Flügel Platz nahm, waren nicht nur das Parterre und der Balkon bis auf den letzten Sessel gefüllt; auf der Bühne waren dutzende Zusatzplätze aufgestellt und wohl im Handumdrehen verkauft worden.

Verständlich: Unter dem Zugriff von Sokolov, dem Midas unter den Klassikpianisten, verwandelt sich selbst mediokres Stückwerk in tönendes Gold. Beispielhaft Beethovens Bagatellen op. 119, Musik von schwankender Güte. Die Leierkastenmelodie der "Allemande" kitzelt Sokolov so zart in den Diskant, dass sie zum grotesken Spuk gerät. Überhaupt gebietet der Russe über ein Arsenal an Ausdrucksmitteln, von mystischem Pedalnebel über Farbnuancen bis zu diversen Anschlagvarianten, das der Musik eine räumliche, szenische Qualität verleiht. Etwa bei Beethovens Sonate op. 2/3: Sokolov lässt den klassischen Fluss der Musik intakt, bringt ihren romantischen Keim aber wirkmächtig zur Geltung, vor allem in den schroffen Lautstärkewechseln des Adagios.

Mag sein, dass die vier Schubert-Impromptus D 935 danach nicht jedermanns Sache waren, so sehr klebten die Stücke im Tempokeller und ließen ihre kernigen Passagen vermissen. Unter der Glasdecke des Ebenmaßes vollzog sich jedoch ein kaleidoskopisches Farbenspiel, das seinesgleichen suchte und auch die gramvollen Momente dieser Musik nicht verhehlte. Sechs Zugaben, Jubel.