Spät erst hat der gelernte Apotheker und spätere Journalist und noch spätere Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898) das Theater entdeckt. Für die "Vossische Zeitung" amtierte er von 1870 an etwa zwanzig Jahre lang als Theaterkritiker. Rund 700 Rezensionen hat er in dieser Zeit geschrieben, erstmals vollständig ediert erscheinen sie jetzt im Aufbau Verlag in vier wuchtigen Bänden auf mehr als 3000 Seiten. Glücklicherweise gibt es einen Auswahlband, der sich auf 46 Kritiken beschränkt. Ihr Reiz liegt in den Unterschieden sowie in den Gemeinsamkeiten, die sie zum Heute offenbaren.

So verfügte Fontane 1883: "Ein wirkliches Stück muss nach wie vor zwei Dinge haben: erstens eine Fabel und zweitens richtige Menschen." Ein paar Zeilen später fügt er an: "Es giebt auf unserer französischen Bühne keine wirklichen Menschen mehr (. . .)".

Tönt verdammt vertraut und ziemlich kategorisch, wobei das Kategorische zum Markenkern des Kritikers Fontane gehört. Er sieht sich als Richter, der Wahrheiten verkünden muss, auch wenn sie schmerzen. Gefürchtet war so einer, na klar, darauf spielt ja auch der Titel des Buches an, eine Selbstaussage Fontanes: "Da sitzt das Scheusal wieder". Aufgrund seines Quereinstiegs ins Theaterfach wurde er freilich auch verlacht. So veräppelten seine Verächter sein Kürzel Th. F. als Abkürzung für TheaterFremdling, wie der Theaterkritiker Simon Strauß im Nachwort schreibt.

Egal, Fontane spuckte Sätze für die Theaterewigkeit aufs Papier: "Fräulein Meyer sentimentalisirt"; "Der ganze Abend litt unter einer gewissen Fläue"; "Aber unser gutes Publikum geht eben nach der Firma und läßt sich die schlechtesten Semmeln gefallen, wenn sie nur von X. oder Z. sind"; "Wenn man lacht, hört die Kritik auf." In diese herrliche Reihe gehört auch der wohl gemeinste Satz, der jemals über eine Hamlet-Inszenierung geschrieben wurde: "Gut war nur Herr Wünzer (Geist)." Wie überhaupt die damalige Sitte, die Vornamen der Darstellerinnen und Darsteller wegzulassen, ungeheuren Charme entfaltet.

Leider lesen sich die Kritiken hintereinander nicht so unterhaltsam, wie es jetzt klingen mag. Fontanes Inhaltsangaben von Stücken, deren Autoren man oft nicht einmal mehr kennt, sind zuweilen rasend öde. Oft rezensiert er die Aufführung auch gar nicht, sondern bloß das Stück. Selten nur bekommt man einen wirklichen Eindruck vom szenischen Gehalt der Abende. Stückinhalt und schauspielerische Klasse stehen im Vordergrund, wobei es sich Fontane mitunter ziemlich einfach macht: "Gespielt wurde gut." Seine unmittelbare Empfindung bleibt der Maßstab: "Ich will nichts gegen das ästhetische Gesetz sagen, aber wichtiger ist das in unserer Brust."

Während heutzutage gestritten wird, wer wen auf der Bühne spielen kann, war Fontane der festen Überzeugung, dass ein Darsteller, je mehr ein nationaler Unterschied zwischen dem Darsteller und dem speziell Darzustellenden zu Tage trete, scheitern werde. Damit meint er nicht zwingend, nur Dänen dürften Hamlet verkörpern, wiewohl er Ernesto Rossi sein Italienischsein indirekt zum Vorwurf macht: "In der Mehrzahl Shakespearescher Gestalten lebt ein germanischer Geist, zu dem der italienische nicht harmonirt, weshalb ich denn auch den Rossischen Hamlet einem großen, aus einem an und für sich wichtigen Gedanken entwickelten Musikstück vergleichen möchte, das aber aus der falschen Tonart gespielt und außerdem noch mit unstatthaften Schnörkeln vorgetragen wird."

Das Zitat verdeutlicht nicht nur Fontanes ziemlich forschen Umgang mit Nationalcharakteren, sondern auch seinen umständlichen und wenig schmissigen Sprachduktus als Theaterkritiker. Simon Strauß deutet ihn folgerichtig und in mancherlei Hinsicht als Gegenfigur zum "brillant-bissigen Herzblutschreiber" Alfred Kerr. Fontanes Kritiken lesen sich dagegen tatsächlich vergleichsweise lau. Die oben zitierten Sätze bilden also eine Art Best-Of des Bandes.