Eines kalten Winterabends, so kann man es sich vorstellen, sitzt die polnische Magnatentocher Ewlina Hańska in ihrem Schloss im Südosten der Ukraine, die damals zu Russland gehört, und langweilt sich. Vielleicht liegt neben ihr noch ihre letzte Lektüre: Balzac. Sie verehrt diesen Autor, niemand habe Frauen so gut verstanden wie er, findet sie, und schreibt ihm aus einer Laune heraus einen Brief, unterfertigt mit "L’Étrangère", die Fremde. Es beginnt ein Briefwechsel, der Jahre später in einer Hochzeit endet.

Nach einem ersten Treffen in der Schweiz 1833, bei dem Hańska noch verheiratet ist, die beiden sich aber unsterblich ineinander verlieben und ewige Treue schwören, und nach einer ersten Reise nach St. Petersburg 1843 reist Balzac im Jahr 1847 erneut zu ihr nach Russland. Sein Ziel: Der Traualtar. Ihr Enthusiasmus ist da allerdings bereits merkbar abgeflaut, denn Balzac ist schwer verschuldet und kann die Erwartungen des Hochadels weder in seinem Auftreten noch mit dem falschen "de" in seinem Namen erfüllen. Balzac hingegen sieht in einer Hochzeit mit Hańska die einzige Chance, seinem Dilemma zu entkommen. Hańska hält ihn hin.

Auf dieser Reise entsteht jener Bericht, der nun, um Briefe und einen Kommentar erweitert, auf Deutsch erschienen ist. Es ist ein amüsantes und aufschlussreiches Zeitdokument, in dem Balzac die Eigenheiten jener Länder zeichnet, die er auf seiner beschwerlichen Reise durchquert.

Russland, beziehungsweise die Reise dorthin galt damals noch als gefährlich, wie er glaubhaft belegt: "Als sich Diderot, Mercier de la Rivière und Napoleon nach Russland begaben, trafen sie weiß Gott welche Vorsichtsmaßnahmen! Der eine nahm fünfzigtausend Francs mit, der andere fünfhunderttausend Mann. Mercier machte sein Testament." Balzac selbst wagt sich alleine in das Zarenreich, ausgerüstet lediglich mit einem kleinen Koffer und einer Nachttasche, lässt sich nur den Behörden empfehlen. Und so kommt es zu dem ein oder anderen unvorhergesehenen Ereignis.

Abenteuer Bahn

Amüsante Einblicke gewährt sein Bericht auch, wenn er die deutsche Bahn mit der französischen vergleicht: "Zwischen Hamm und Hannover wurde die Strecke von einer Art Schneckenwagen befahren, deren Schnelligkeit die Deutschen so begeistert, dass sie sie Schnellpost nennen. Diese schnelle Post legt ungefähr zwei Meilen pro Stunde zurück, wie unsere schweren französischen Postkutschen im Jahre 1820."

Der Autor erzählt auch von den "Kibitka" in Russland, die von Pferden gezogen im gleichen Tempo wie eine Lokomotive vorwärtspreschen, ganz gleich wie wild es den hinten am Heu liegenden Reisenden durchschüttelt. Schon manch Kaiser, so Balzac, sei dabei abgeworfen worden und verloren gegangen. Als er nach acht Tagen endlich im Schloss Wierzchownia ankommt, sind die Leute erstaunt, ihn so früh zu sehen. Der Brief, der seine Ankunft ankündigen sollte, erreicht den Sitz erst zehn Tage später.

Die Unvorhersehbarkeiten einer Reise zu jenen Zeiten wird in der "Lettre sur Kiew" auf unterhaltsame Art vor Augen geführt, daneben kommen aber auch subjektive Urteile zum Ausdruck. So verortet sich Balzac mit seiner teils abwertenden, teils bewundernden Beschreibung der "Ostjuden" in einem dem zeitlichen Kontext entsprechenden Antisemitismus.

Fruchtbare Erde

Ergänzt wird die "Lettre sur Kiew" durch ausgewählte Briefe - etwa an seine Schwester, die sein Staunen über die unendlichen Weiten Russlands sowie die Fruchtbarkeit der Erde noch mehr vermitteln als sein Bericht. All dies beflügelt den Geschäftemacher Balzac. Sogleich schlägt er seiner Schwester vor, Eichen in großer Menge nach Frankreich einzuführen. Jedoch, muss er schließlich einsehen, würde dieses Vorhaben an den Transportbedingungen scheitern. Am Rande erfährt man vom Fortgang der Cholera in seiner Nähe, von der er sich aber in Sicherheit glaubt, denn "Leute mit Schulden lässt sie in Ruhe".

Die Schulden sind es wohl auch, die die Gräfin Hańska so lange zögern lassen, in die Heirat einzuwilligen. Am 14. März 1850 findet sie doch noch statt, Balzac ist zu dem Zeitpunkt schon schwer krank. Er stirbt fünf Monate später. Die "Lettre sur Kiew" bleibt der einzige Reisebericht, den er je verfasst hat.