Die Gesamtwertung setzt sich aus den Einzelwertungen aller Autoren zusammen. Die Bestenlisten der Beitragenden finden Sie unter:
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Pop/International

1. Low: Double Negative (US)

Andacht, Einkehr, Transzendenz verheißender Hallgesang: All das bietet die US-Band Low um das Ehepaar Alan Sparhawk und
Mimi Parker auch im Jahr 2018, allerdings muss man sich zahlreiche sperrige Schichten an verzerrt mäandernden und nach Kabelbrand klingenden Soundspuren hindurch erst einmal zum Kern dieser Kunst vorgraben. Der Kern inkludiert das volle Leben, den nahenden Tod und alles dazwischen. Low besingen die finstere amerikanische Nacht abseits herkömmlicher Songstrukturen, sie fesseln, faszinieren - und sie machen Gänsehaut: "I don’t know / And I don’t mind / Take my weary bones / And fly . . ." Eine mühelose Neuerfindung im verschwommenen Hallraum.

2. Cat Power: Wanderer (US)

Die US-Songwriterin Chan Marshall entfernt sich auf ihrem zehnten Album als Cat Power wieder vom ausproduzierten Sound des Vorgängers "Sun" und konzentriert sich mit schlanken Arrangements auf das Wesentliche. Bereits die Stimme vermittelt bei diesen das Umherkreisen fokussierenden Songs ein Gefühl des Nachhausekommens. "Woman" beschwört als Schlüsselstück im Duett mit Lana Del Rey weibliche Selbstermächtigung und wird zum Abgesang auf einen auch von Zusammenbrüchen geprägten Karriere- und Lebensweg: "The doctor said I was better than ever, man you shoulda seen me! The doctor said I was not my past, he said I was finally free."

3. Blood Orange:

Negro Swan (US)

Der ehemalige Lightspeed Champion hat sein Meisterwerk vorgelegt: "Negro Swan" von Devonté Hynes alias Blood Orange ist eine Art Hörspiel über die Misere jener Menschen im angloamerikanischen Raum, die nicht der weißen heterosexuellen Mehrheit angehören und durch das erneute Aufleben von Rassismus und vorsintflutlichen Vorurteilen wieder Übergriffen ausgesetzt sind. Gewalt, Außenseitertum, Zurückweisung, Isolation und Sex sind einige der Themen, die Hynes mit der Transgender-Aktivistin und Autorin Janet Mock als durch das Album geleitende Erzählerin auffächert. Musikalisch wird mit Bläsern, Streichern, Keyboards und unfassbaren Gitarren-Einsprengseln erneut ein elektrisierender Mix aus Pop, Hip-Hop, Soul und R&B fabriziert.

4. The Sea And Cake:

Any Day (US)

Die Supergroup des Post-Rock aus Chicago veröffentlicht ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung wieder eine echte Perle: Wir hören zehn großartige, mitreißende Songs, scheinbar ohne große Anstrengung mit Gitarren und Drums aus dem Ärmel gezaubert. Es ist Meisterschaft, die aus Erfahrung kommt. Vor der Arbeit an "Any Day" auf eine Besetzung im Trio-Format reduziert, erspielen sich The Sea And Cake mit distinktivem Sound in 38 Minuten eine restlos glückliche Hörerschaft.