Man schrieb das Jahr 1905. Ein hanseatischer Patriziersohn und Weltliterat heiratete in eine hoch angesehene Münchner Familie ein: Thomas Mann ehelichte Katia Pringsheim. Die Hochzeitsreise des Paares führte an den Bodensee. Es war die erste Begegnung des großen Erzählers mit dem "Schwäbischen Meer", an dessen Ufern sich für ihn noch manch Schicksalhaftes ereignen sollte: etwa 1933 die Beschlagnahme seiner delikaten, auf dem Weg ins Schweizer Exil befindlichen Tagebücher durch die Grenzpolizei in Lindau; oder 1947 das Wiedersehen des von den Nazis ausgebürgerten (und nun neu angefochtenen) Thomas mit dem nicht emi-grierten Bruder Viktor im schweizerischen Kreuzlingen.

Im erzählerischen Werk von Thomas Mann hingegen spielt der Bodensee eine marginale Rolle. Immerhin lässt er Hans Castorp auf der Reise von Hamburg zum Davoser "Zauberberg" das länderverbindende Gewässer queren, "zu Schiff über seine springenden Wellen hin . . .". Im "Doktor Faustus" wiederum, einer Abrechnung mit dem Deutschtum, findet sich eine Episode, die zu einem jungen Fassbinder nach Meersburg führt (sie schöpfte der Autor aus der Inquisitionsbibel "Hexenhammer").

Komplexe Destination

Wie Thomas Mann hegten die meisten Mitglieder des legendären Clans persönliche Beziehungen zum Bodensee: als Destina-
tion für Ferien, Bildung wie auch Exil, für Schriftstellerei und Lesungen (in Amriswil beschied sich Dichterfürst Thomas mit einem "Gutmütigkeitshonorar von 300 Franken"). Und alle führten darüber Buch, in Briefen, Reiseberichten, Tagebüchern oder Essays.

Der in Konstanz lebende Autor Manfred Bosch hat diese familienbiografische Topografie gründlich erforscht und in dem lesenswerten, illustrierten Band "Die Manns am Bodensee" dokumentiert. Von Martin Walser mit dem Prädikat "literarischer Sekretär der Region" versehen, spannt Bosch den Bogen von Thomas Manns (in Brasilien geborener) Mutter Julia da Silva-Bruhns bis zu Thomas’ "Lieblingsenkel" Frido. Im Rahmen seiner Spurensuche erschließt Bosch wie nebenbei die Lebenswege der Familienmitglieder, ihre schwierigen Beziehungen zueinander wie auch die Gefälle gegenseitiger Wertschätzung - als Mensch wie als Schriftsteller.

Julia Mann, die schon 1888 von Lübeck an den Bodensee gereist war, hatte den Tourismus der Re-gion in einem Reisebericht beschrieben. Ihre Schwiegertochter Katia stattete 1922 dem rekonvaleszenten Heinrich Mann im Badehotel Überlingen einen Besuch ab. Wenig später machte sie mit ihren Kindern Erika und Klaus Urlaub auf der Insel Reichenau. Klaus erinnert sich in seinem Buch "Kind dieser Zeit": "In dem Hotel, wo wir wohnten, bedienten russische Mi-granten höchsten Adels, die aber hochmütig und unwirsch gegen die Gäste waren (. . .). Dort war es übrigens, wo ich die ,Jungen‘ schrieb." Und die aus jüdischem Haus stammende Katia merkte in einem Brief an ihr "liebes Reh" (Thomas) zum Hotel an: "Das Pu-blikum ist ziemlich gleichgültig, gänzlich unjüdisch, wir sind ja wohl die einzigen." Auch berichtete sie vom Ausflug zur Privatschule Salem, wo sie Klaus unterzubringen hoffte. Doch Institutsleiter Kurt Hahn riet ab: das in Salem gepflegte Gemeinschaftsleben und die praktische Arbeit seien nichts für diesen manierierten Hochbegabten mit "angeknaxter Lebenskraft". Klaus kam in der ebenfalls reformpädagogischen, wegen Missbrauchsskandalen heute geschlossenen Odenwaldschule unter.