Am Samstag, 11. Jänner 1919, fand sich eine illustre Trauergemeinde am Wiener Zentralfriedhof ein. Kein Geringerer als der wortgewaltige Karl Kraus hielt den Nekrolog am offenen Grab eines engen Freundes. Statt sich in Sentimentalitäten und Reminiszenzen zu ergehen, drohte der "Fackel"-Herausgeber den Kritikern des Verblichenen: Wehe allen, die ihn künftig missverstehen sollten! - Der streitbare Kraus ahnte entweder, dass eines Tages das Thema "nackte Mädchenbeine" die gelungenen Vignetten und Divertimenti des Dahingegangenen überlagern könnten, oder er wollte die Nachwelt auf die literarischen Leistungen des bizarren Freundes einschwören, der am 8. Jänner im AKH verschieden war, nachdem er lange als unsteter Gast und Trinker im Grabenhotel in der Dorotheergasse 3 gehaust hatte.

Pseudonym

Der Verstorbene war Richard Engländer, Sohn des gleichnamigen Kaufmanns Moriz E., besser bekannt unter seinem Pseudonym Peter Altenberg, das er sich aus Schwärmerei zugelegt hatte. "Peter" war der Rufname eines Mädchens namens Berta, das er im niederösterreichischen Altenberg kennen und verehren gelernt hatte. Schon diese Episode gibt zu denken, denn als sie der Autor bei der Familie Lercher traf, lagen Bertas Lenze deutlich unter der Schutzaltergrenze. Zeitgenossen sahen Altenbergs seltsame Neigungen als "Schwärmereien" eines Poeten, seine nächsten Freunde wussten indes, dass der Varietébesucher vermögend und berechnend war.

Im Kaffeehaus verbrachte der Autor einen Gutteil seines Lebens. Die Altenberg darstellende Kaffeehausfigur, die im "Central" lungert, bedient dieses Bild (siehe Abbildung auf Seite 34, Anm.). Prosa-Fundstücke finden sich zuhauf: Die Erstveröffentlichung "Wie ich es sehe" (1896), die im Folgejahr publizierte Skizze über die "Völkerschau" unter dem Titel "Ashantée", worin er das Zurschaustellen afrikanischer Menschen geißelt, die "Fechsung", "Nachfechsung" und - als Ausklang des Schaffens - das Büchlein "Mein Lebensabend".

Obwohl Altenbergs Werk nicht umfangreich ist, geben doch seine Beobachtungen ein getreues Stimmungs- und Sittenbild der Ära zwischen dem Fin de siècle und dem Untergang der Donaumonarchie wieder. Die Lektüre vermittelt Semmeringluft und Parfüm-düfte, die ihren olfaktorischen Reiz zwischen den Zeilen versprühen. Das Rauschen von Tüll und Seide wird hörbar - und das Auf und Ab tanzender Balletteusen tritt vor das geistige Auge des Lesers. Und stets, ja notorisch, hob Altenberg das "Ewig-Weibliche" hinan. Er erging sich, wie Roda Roda und später Eugen Gomringer, als ein "admirador" und verfiel dabei in wehmütig-ironische Reflexionen.