Wenn Michel Houellebecq ein Buch "Serotonin" nennt, glaubt man zu wissen, was einen erwartet. Doch schnell stellt man fest: weit gefehlt. Denn die erste Überraschung ist der Stil. Houellebecq schreibt in seinem neuen Roman Sätze, die endlos, chaotisch, erschütternd wirken - und die vermuten lassen, er habe zwischen seinem letzten Roman, "Unterwerfung", und dem soeben erschienenen Thomas Bernhard entdeckt. Inhaltlich gesehen war Michel Houellebecq selten so verzweifelt. Die Traurigkeit der Hauptfigur scheint vollkommen, ihre Depression endgültig. Dabei bietet der Roman aber auch Hoffnungspoten- zial. In erster Linie nämlich erzählt das Buch von der Liebe.

Florent-Claude Labrouste, ein Mittvierziger und Beamter im Landwirtschaftsministerium, hat genug von seinem Leben und beschließt kurzerhand, aus seiner Existenz zu flüchten. Der Tiefpunkt des Zusammenlebens mit seiner Frau Yuzu ist erreicht, als er ein Video entdeckt, in dem sie einem Hund oral den Höhepunkt verschafft. Sein erster spontaner Gedanke ist der, Yuzu zu töten. Lediglich die Vorstellung, dass es im Gefängnis keinen Hummus geben würde, hält ihn davon ab. "Abgesehen von den moralischen Fragen im Zusammenhang mit einem Mord natürlich." Er lässt sie, die er ohnehin verachtet, da-raufhin ohne ein Wort zurück, kündigt seine Wohnung und zieht in ein Hotel. Von dort aus macht er sich daran, die Frauen aus seiner Vergangenheit wiederzutreffen. Dieses Vorhaben entpuppt sich jedoch schnell als zwecklos und deprimierend.

Faktor der Entzweiung

Denn da war Kate, die intelligente Idealfrau, die er aus unerfindlichen Gründen betrog - was diese zur Auswanderung bewog. Da ist Claire, die ihm nur von ihrem Scheitern berichten kann, und die letztendlich zu dem Schluss kommt, dass einzig er sie jemals wirklich geliebt habe - was der Erzähler mit dem (hier nur vereinzelt durchschimmernden) typisch Houellebecq’schen Lakonismus kommentiert, der den gewohnten Ton aus Tristesse, Resi-gnation und Menschlichkeit kombiniert: "Ich ließ sie in dem Glauben." Die Sprache wird als Faktor der Entzweiung begriffen, "denn die Sprache ist nicht dazu bestimmt, Liebe zu stiften, sondern Zwietracht und Hass zu säen". Und schließlich ist da seine große Liebe Camille, die ihm die Selbstverständlichkeit der Liebe offenbarte. All diese Stationen werden in Rückblicken erzählt und um ein zentrales Ereignis rund um Weihnachten und Neujahr gereiht, das das Ende einleitet.

Labrouste besucht seinen Freund, der als Milchbauer arbeitet und ihm die desaströsen Zustände der Milchindustrie und die Aussichtslosigkeit der französischen Landwirte beschreibt. Es erfasst ihn eine Welle der Anteilnahme, doch als er zu ihrem Gewerkschaftstreffen kommt, erkennt er: ". . . ich hatte zwischen ihnen nichts verloren". Einmal mehr resigniert er, weil er erkennt, dass er den Lauf der Dinge ohnehin nicht beeinflussen kann, denn "das Blatt hatte sich immer im letzten Moment zugunsten des Freihandels, des Produktivitätswettstreits, der Leistungsorientiertheit gewendet", und er stellt fest, dass er "jahrelang mit Leuten konfrontiert gewesen (war), die bereit waren, für die Handelsfreiheit zu sterben".