Die dichtende Frau Thonhauser, verheiratete Habernig, nannte sich als Autorin - als es ans Veröffentlichen ging - Christine Lavant. Weil das, was sie schrieb, ihre Lebensumstände und die ihrer näheren Umgebung, kaum verschleiert wiedergab, fürchtete sie sich vor ihrem Dorf, dem Dorf, wo sie geboren und aufgewachsen war und immer noch lebte. Und schließlich galt sie in diesem ihrem Dorf schon länger als Verrückte, was in der gerade erst zu Ende gegangenen Nazizeit für sich genommen schon lebensgefährlich gewesen war, umso mehr, wenn man nicht nur irr war, sondern auch noch schrieb.

Kaum war ihr erstes Buch erschienen und fand Beachtung, da wusste im kleinen Kärnten schon jeder, wer diese Dichterin war, und sie geriet in solche Verzweiflung, dass sie unter anderem einem Klagenfurter Buchhändler anbot, ihm seine Bestände an diesem Titel abzukaufen, nur damit ihr Werk keine weitere Verbreitung erführe, und das, obwohl sie ja wusste, dass sie das Geld dafür nie aufbringen würde können.

Schon seit dem Anfang der fünfziger Jahre schrieb sie dann eigentlich nichts mehr - hatte sie alles gesagt, oder waren ihr die Schrecknisse der Veröffentlichung und der öffentlichen Beachtung zu groß geworden? So lebte sie dann noch zwei Jahrzehnte ohne Schreiben weiter, ziemlich berühmt geworden und mit literarischen Preisen bedacht, aber immer weiter furchtbar arm, krank und in jeder Hinsicht im Eck, wie sie es seit ihrer Geburt als Armeleutekind gewesen war. Später, mit Hilfe das Landes Kärnten, versuchte sie es mit einer Übersiedlung, in ein modernes Hochhaus in der Stadt, aber das klappte gar nicht; nach zwei Jahren war sie wieder zurück in ihrer Mansarde in Großedling bei St. Stefan.

Unter dem angenommenen Namen kennen wir sie bis heute, und nach Jahrzehnten der juristischen Wirren um ihren Nachlass sind wir nun in der glücklichen Lage, auch ihre umfangreiche Prosa aus jenen Jahren nach dem Krieg zu lesen (Christine Lavant: Erzählungen aus dem Nachlass. Mit ausgewählten autobiografischen Dokumenten. Hrsg. von Klaus Amann und Brigitte Strasser. Wallstein Verlag, Göttingen 2008, 827 S.). Wie beim letzten "Erlesen": wieder ein gar dickes Buch, und wieder eines, das als Endergebnis mühevoller und langwieriger germanistischer Arbeit nun, wo es daliegt, eine Art Lebens- und Epochenroman bietet, der an Lebendigkeit, Dichte und immer von neuem niederschmetterndem biografischem Detail seinesgleichen sucht.

Die Armut, die uns aus diesen Geschichten entgegentritt, ist im gleichen Atemzug skandalös und nackt in ihrer Totalität und doch auch märchenhaft verzaubert. So beschreibt Lavant den Quell ihres Erzählens (in einem der autobiografischen Texte): "Mutter (. . .) musste für die Bauern nähen und stricken. Da wir nur eine einzige Stube hatten und ich immer krank und zu Bett war wickelten sich alle Gespräche vor meinen Ohren ab. Mutter war nämlich für alle anderen eine Art Beichtiger. Das Elend des ganzen Dorfes rann bei ihr zusammen. Aber es wurde, sobald es in unserer Stube sich auslegte irgendwie verwandelt. (. . .) Man musste nur ihr Gesicht sehen wenn sich die ‚Kundschaften‘ ihrer Tragikomödien entledigten. (. . .) Ehebruch Totschlag Kindsmord Brandstiftung Grenzsteinverschiebungen Gespenstererscheinungen Unglücksfälle Klaghändel Irrsinnsausbrüche, Todfeindschaften. Dies alles wurde immer mit dem Einsatz des ganzen Herzens und der ganzen Fantasie und zumeist unter Verwendung vieler verstümmelter Fremdworte vorgebracht und es wurde immer wieder in allen Abarten geweint und geflucht und geschworen."

Mir scheint das eine gute Schilderung dessen, was in Lavants Prosa und was beim Lesen mit einem selbst geschieht, wo nämlich, in den Worten der Dichterin "allen Tragödien schon am Ursprungsort der Beigeschmack eines Spieles gegeben wird, das mittels der leisesten Verdrehung komisch gemacht werden kann".