Die Suche nach dem sogenannten "nächsten großen Ding", dem "neuesten heißen Scheiß" oder schlichtweg dem Everybody’s Darling der Stunde hat nicht nur im Pop immer Saison. Die Eventisierung des Kulturbetriebes sorgt längst auch in den alten bis altehrwürdigen Bastionen der Hochkultur sowie im bürgerlichen Literaturmilieu dafür, dass Spielregeln regieren, die man eigentlich aus der Modebranche kennt - wir sprechen jetzt nicht von Sex und Drogen.

Bei zunehmender Beschleunigung in Richtung Lichtgeschwindigkeit und drastischer Abnahme der Halbwertszeit bedeutet das etwa, dass wir vielleicht sogar noch vor der Folgesaison über das Gewesene müde lächeln bis herzlich lachen werden - sofern wir uns überhaupt noch daran erinnern. Wie, das fanden wir damals gut!?

Reichweite gesucht

Weil sich das Publikum - jetzt einmal kulturoptimistisch betrachtet - dann aber doch noch nicht zu Tode amüsiert hat und Kultur außer schöne Kunst immer auch knallhartes Geschäft und turbokapitalistische Raubzüge bedeutet, geht da auch weiterhin noch etwas.

Show must go on: Wer die nächste Sau ist, die durch das globale Dorf getrieben wird, darf in Branchen-Thinktanks und von Expertenjurys zumindest Fachkräfte zum Grübeln bringen, die die Geburt des nächsten Erlösers nicht dem Zufall überlassen wollen. Neben der Zeit als Faktor ist es vor allem auch die Diversifizierung des Angebots und des Publikums, die die Beglückung der größtmöglichen Masse über ihren kleinsten gemeinsamen Nenner ziemlich schwierig macht. Konkreter gesagt: Die Reichweite der "Peter-Alexander-Show" in Zeiten von FS1 und FS2, ja, die hätten wir heute gerne!

In der IG Pop ist der jährliche "Sound of . . ."-Poll der BBC der breitenwirksamste Trendforscher für ein Morgen nach dem Heute. Seit dem Jahr 2003 mit Rapper 50 Cent als Gewinner und mit kommerziellen Höhepunkten wie dem Jahrgang 2008 (Adele!) ist die BBC gut mit dabei - begünstigt auch von der Eigendynamik einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

136-Kopf-Jury

Nach dem letzten Treffer in Form von Sam Smith im in der Echtzeitwelt sehr weit zurückliegenden Jahr 2014 setzte aber ein Formabfall ein. An doch reichlich beliebige weitere Sieger wie Years & Years und Jack Garratt erinnern wir uns noch rudimentär, wer aber Ray BLK (2017) und Sigrid (2018) sein sollen - keine Ahnung!

Bei der aktuellen Kür für das Jahr 2019 wiederum fällt auf, dass die BBC zumindest anhand eines Beispiels bereits in der Gegenwart zu spät dran ist: Die 25-jährige Spanierin Rosalía, der im Rahmen des Final Countdowns nur der fünfte Platz zugesprochen wurde, hat bereits zwei Alben auf den Markt gebracht, von denen das zuletzt veröffentlichte "El mal querer" schon auf den Best-of-Listen des Jahres 2018 gut vertreten war. Darauf zu hören gab es elektronisch gefärbte Pop- und R&B-Formalismen zu im Fachbereich tatsächlich selten gehörten Flamenco-Elementen. Symbolisches Pop-Kapital wird die junge Dame außerdem kommende Woche einfahren, wenn sie für einen gemeinsamen Song auch auf dem neuen Album von James Blake auftauchen wird.


Mit zornigen und sozialrealistischen Klängen zwischen Grime, Hip-Hop und Punk hat auch der Brite Slowthai die Aufmerksamkeit auf seiner Seite - für die BBC allerdings hat es nur für die Blechmedaille gereicht. Platz drei geht an die Emo-Balladeuse Grace Carter, Platz zwei wird von King Princess belegt, die als Schützling von Starproduzent Mark Ronson aber auch nicht aus dem luftleeren Raum auftaucht.

Als Sieger der heuer von 136 Expertinnen und Experten bestimmten Wertung geht mit Octavian erstmals seit dem Jahr 2003 wieder ein Rapper hervor. Der hat bereits Unterstützung von seinem kanadischen Kollegen Drake erhalten und klingt auf seinem Mixtape "Spaceman" (Black Butter) zwar nicht visionär, zumindest aber nahe am Puls der Zeit.

Außerdem passt seine selbstmotivatorisch gestimmte Debütsingle "Party Here" entlang bekannter Klischees zu einer Geschichte, die sich verkaufen lässt - Schulabbruch mit folgender Mittel- und Obdachlosigkeit als Reißausvondaheim, der es als harter Hip-Hop-Macker von der Straße zu etwas bringt, inklusive. Über die Halbwertszeit dieser Karriere dann im nächsten Jahr mehr.