Kosmopolitische Biographin: Kapka Kassabova. - © ullstein bild/Zöllner
Kosmopolitische Biographin: Kapka Kassabova. - © ullstein bild/Zöllner

Uralt ist der thrakische Mythos. Nicht nur Apollo, der Gott des Lichts und der Künste, kam aus Thrakien, sondern auch Orpheus, der von Apollo die Lyra erhielt und mit seinen Liedern Menschen, Tiere und sogar das wütende Meer besänftigte.

Im alten Thrakien sind auch die Urstände der Grenzüberschreitung zu orten. Denn niemand Geringerer als Dionysos, der Gott der schwellenden Triebkraft der Natur und orgiastischen Lebensfeier, stammte ebenfalls aus Thrakien, dem Land, das von den Küsten dreier großer Gewässer gesäumt ist: Schwarzes Meer, Marmarameer und Ägäis.

Einst zog Dionysos, der Sohn des Zeus und der thebanischen Königstochter Semele, nach Hellas, um mit seinem ekstatischen Kult die ihm hingebungsvoll folgenden Griechen in einen sinnentrückten Rausch bis zur tierischen Verwandlung zu versetzen. In den dithyrambischen Festen des Dionysos-Kults wurden alle Grenzen des Ich überschritten und in theatralischer Aktion die Dämonen des Daseins schrankenlos freigesetzt. Mit seiner im Dienst der Götter stehenden "zeitweisen Aufhebung der gewöhnlichen Welt", wie es Johan Huizinga in seinem berühmten Buch "Homo ludens" beschrieb, begründete Dionysos, dieser thrakische Aufrührer, Lärmer und Grenzüberschreiter, die Spielwelt des abendländischen Theaters.

Übertrittszone

Das alles ist nicht erstarrtes Bildungsgut, sondern schiebt sich gleichsam als Kulisse des Wissens wieder in den Vordergrund, wenn von Thrakien heute, dem Land zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei, berichtet wird. Und das tut die in Bulgarien geborene, in Schottland lebende Reiseerzählerin Kapka Kassabova in ihrem Buch "Die letzte Grenze" auf ebenso verführerische wie abenteuerliche Weise. Buchstäblich über Stock und Stein bereiste sie den Grenzraum und nimmt den Leser mit auf eine Erkundungsfahrt voll eigentümlicher Beobachtungen und aussagestarker Erlebnisse.

In ihren Berichten vermischen sich Realität und Erfindungen, Ansichten und Zufälle. In den vielen aufgelesenen Geschichten und neugierig angebahnten Begegnungen schimmert ein Wissen um das historische Thrakien durch, welches in allen überlieferten Sagen und Mythen, aber auch unvermutet in etlichen heutigen Lebensgewohnheiten der Menschen nachhaltig erhalten geblieben ist.

Hoch oben in den Rhodopen an der bulgarisch-griechischen Grenze findet Kassabova beispielsweise in den Bergen des Orpheus jene "Teufelsschlucht", in die der Sänger in die Unterwelt hinabgestiegen sein soll. Doch auch er, "das einzige Lebewesen, das aus dem chthonischen Reich wiederkehrte," wurde von den Mänaden zerfleischt: