Namenswitze sind natürlich verboten, in diesem Fall aber nur schwer zu umgehen. Immerhin ist die US-Musikerin Billie Eilish gerade einmal 17 Jahre alt und hat es trotzdem - oder gerade deshalb - buchstäblich eilig. Ihr Debütalbum "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" wird am 29. März beim Platenmajor Universal Music erscheinen, Hits sind für die aus der Entertainmentmetropole Los Angeles gebürtige Sängerin und Songwriterin allerdings bereits seit dem Jahr 2016 kein Fremdwort mehr.

Damals veröffentlichte Billie Eilish den auf Wunsch ihrer Lehrerin ursprünglich für ein Tanzprojekt geschriebenen Song "Ocean Eyes" im Internet, wo er viral ging und bald entsprechende Begehrlichkeiten der Musikindustrie weckte. Der Plattenvertrag war schnell in der Tasche - und der Umstand, dass die junge Frau in klassischen Trend-Polls zuvor keine Rolle spielte, vor allem ein Zeichen für deren Verzichtbarkeit.


Im Gegensatz zu entschieden austauschbareren, weil gut und gerne fremdgesteuerten "Kolleginnen" wie Ariana Grande benötigt Eilish keine zwölf Autoren pro Song, die ohnehin nur sicherstellen, dass am Ende keine Unterscheidbarkeit zu anderen Mainstream-Acts mehr gegeben ist.

Die Frau mit den bevorzugt blau gefärbten Haaren und dem zwischen jugendlichem Trotz, pubertärer Gelangweiltheit und nicht selten auch einer gehörigen Portion Traurigkeit wechselnden Blick in die Kamera schreibt ihre Songs gemeinsam mit ihrem 21-jährigen Bruder und hebt sich angenehmerweise in praktisch jeder Hinsicht vom Mainstream ab - obwohl sie gerade auch kommerziell einen Nerv zu treffen scheint. Neben den Charts-Platzierungen selbst kündet auch die Verwendung ihrer Musik in der Apple-Werbung oder der Netflix-Serie "13 Reasons Why" davon.

Künstlerisch setzt Eilish auf reduziert-minimalistische und nicht selten verspielte Arrangements, gefühlig-fragilen (Gruppen-)Gesang, die in ihrem Alter unverzichtbare Dosis Teenage Angst und einen konzeptionellen Einschlag, der sich multimedial nicht zuletzt in den Musikvideos niederschlägt.

Mehr denn je ist dies auch im Fall des aktuellen Hits "Bury A Friend" zu überprüfen, der Eilish nach der Beschwörung innerer Dämonen in Songs wie dem nicht von ungefähr vor dem Spiegel gesungenen "Idontwannabeyouanymore" über Horror-Beigaben endgültig in Richtung Exorzismus gehen lässt. Kreisch! Etwas Vergleichbares wie dieses in seinem Mut zur (harmonischen) Lücke vor allem von seinen Leerstellen mitbestimmte Stück Musik ist in den Charts derzeit jedenfalls nicht zu finden.

Wer sich vom für Arachnophobiker definitiv ungeeigneten Musikvideo zu "You Should See Me In A Crown" an den Spiderman von Robert Smith und The Cure erinnert fühlt, liegt nicht daneben. Wenn man auch der Musik selbst den Gothic-Bezug nicht unmittelbar anhören mag, ist dieser ästhetisch nicht nur mit auf den Abgrund und die Grube fokussierten Songs wie "Six Feet Under" aber zweifelsohne gegeben. Man höre dazu etwa auch die Pixies-Paraphrase "Where is my mind?", die sich bei "Bellyache" hinter einem aus Sicht einer Psychopathin erzählten Mordssong im wahrsten Wortsinn versteckt, der als Pop in Reinkultur daherkommt.


Dass die stilistische Bandbreite nichts an der Kongruenz der Ergebnisse ändert, ist eine weitere Stärke von Billie Eilish. Die Gefühligkeit weitgehend auf die Stimme allein zugeschnittener Songs wie "When The Party’s Over" oder das um einen Dosenbeat erweiterte, vom zehnfach Oscar-nominierten Film "Roma" des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón inspirierte "When I Was Older" mit seinem erschöpfungsdepressiven Binärgesang der Marke früher James Blake, zwischen Sperrstundengitarre und Walzertakt näher an Lana Del Rey errichtete Stücke wie "Idontwannabeyouanymore" oder das mit einem zum Kopfnicken ladenden Hip-Hop-Beat auffahrende "You Should See Me In A Crown" fügen sich stimmig ins Konzept.

Damit gehört die Pop-Zukunft einer Frau, deren Geburtsjahrgang einst noch Science-Fiction war: 2001. Aber hallo!