Tendenz zum Abstrakten: Jessica Pratt. - © Guillaume Belvez
Tendenz zum Abstrakten: Jessica Pratt. - © Guillaume Belvez

Diese Stimme vergisst man nie mehr: Wie ein Kind und zugleich unendlich alt. Eine Stimme, die Kenntnis von Enttäuschungen und Vergänglichkeit, aber auch Empfänglichkeit für die Freuden des Lebens spüren lässt. Um dieses einzigartige Organ scharwenzelt wie ein treuer Hund eine akustische Gitarre. Manchmal kommen ein Klavier und eine meist dezente Orgel mit auf die Wanderung; ab und zu darf eine Flöte sogar ein bisschen jubilieren. In irgendeinem sozialen Netzwerk ist festgestellt worden, Jessica Pratt spreche mit ihrer Musik Leute an, die sich für etwas Besonderes halten. "Nun, das interpretiere ich als Kompliment", sagt die 31-jährige Sängerin und Songschreiberin mit leisem Lachen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Moderate Gangart

Dieser Tage ist Pratts drittes Album, "Quiet Signs", erschienen. Vier Jahre liegen zwischen ihm und dem Vorgänger, "On Your Own Love Again", den sie mit einer extensiven Tour beworben hatte. "Danach fühlte ich mich physisch wie auch mental erschöpft. Ich hatte mich schon gegen Ende dieser Tour hin darauf gefreut, heimzukommen, um wieder schreiben zu können. Doch als ich endlich nach Hause kam, musste ich erst einmal wieder zu Kräften kommen. Daher hat’s ziemlich gedauert. Von der Zeit, als ich zu schreiben anfing, bis zum Ende der Aufnahmen dauerte es eineinhalb Jahre."

Es machte den Produktionsprozess nicht wirklich schneller, dass Pratt in L.A. lebt und für die Aufnahmen nach New York fliegen musste, weil ihr US-Label, Mexican Summer, dort sein Büro hat und ein Studio betreibt. Dazu kam, dass sie einige Songs verwarf, weil sie nicht in den Rahmen passten.

Wie vielen individualistischen Künstlern eignet Jessica Pratt die Anmutung, oberflächlich immer "gleich" zu klingen und dabei jeder Platte eine spezifisch andere Atmosphäre mitzugeben. "Quiet Signs" ist zum einen fast noch zurückgenommener als "On Your Own Love Again" - so kommt nur in einem Song eine E-Gitarre zum Einsatz -, aber facettenreicher und raffinierter produziert.

Wie die selektive Songauswahl indiziert, ist dieses Album als Einheit im Sinne formaler Stimmigkeit angelegt. In Summe gerade einmal 25 Minuten lang, beginnt es mit einer leicht unheimlichen Piano-Meditation, deren Titel "Opening Night" dem gleichnamigen John-Cassavetes-Film von 1977 geschuldet ist. Dieses Grundmotiv mit der Gitarre im nachfolgenden "As The World Turns" noch einmal aufgreifend, führt Pratt in ein großes, auf britischem und amerikanischem Folk basierendes Stück Kammermusik, in dem hin und wieder auch die Gelassenheit von brasilianischem Pop durchklingt.

Meist schlägt sie eine moderate Gangart ein - im bezaubernd ausgelassenen "Poly Blue" wird das Tempo aber auch einmal angezogen. Am Ende steht mit "Aeroplane" ein vergleichsweise fast mächtiger Song, bei dem eine Orgel zu imposantem Volumen anschwillt und sogar Percussion (in Form eines Tamburins) zum Einsatz kommt.

Emotionale Betroffenheit

"Das ist auf gewisse Weise Patchwork. Das Grundgerüst des Songs wurde schon 2014 geschrieben. Während ich sonst auf dieser Platte keine älteren Songs habe, habe ich diesen aufgegriffen. Daher sind hier textlich noch Fragmente enthalten, die sich auf meine damalige Situation mit einer bestimmten Person beziehen. Aber ich habe es dann etwas an meine jetzige Lebenssituation angepasst. Daher reflektiert es auch eine Entwicklung. Am Ende ist eine Art Coda, die wir im Studio improvisiert haben und die sich als emotional repräsentativer Schlusspunkt der Platte angeboten hat: optimistisch und pessimistisch zugleich".

In dieser Coda heißt es: "Fate must be on my side / There’s something close behind / Far away, I see myself / And it’s come today, but tomorrow may turn me out." Pratts Texte sind nicht leicht zu verstehen. Sie vermitteln zwar große emotionale Betroffenheit, aber konkrete Aussagen sind ihnen eher schwer zu entnehmen. "Im Großen und Ganzen sind meine Songs sehr persönlich und haben eine Tendenz zum Abstrakten, Impressionistischen und Träumerischen. Das entwickelt sich aber weniger durch bewusstes Zutun, sondern in Wechselwirkung mit der Musik. Es könnte passieren, dass eine konkrete Aussage zu sehr von der natürlichen Essenz der Musik ablenken würde. Es geht also darum, diese verschiedenen Elemente in den großen Rahmen einzupassen."