Gerade 70 geworden: Barbara Honigmann, am 12. 2. 1949 in Ostberlin geboren. - © ullstein bild - Jürgen Bauer
Gerade 70 geworden: Barbara Honigmann, am 12. 2. 1949 in Ostberlin geboren. - © ullstein bild - Jürgen Bauer

Zwölf schmale Prosa-Bände, meistens um 150 Seiten - ein leises und großes Werk von der jüdischen Existenz, den Brüchen und Verlusten im Leben! Am 12. Fe-bruar ist sie 70 geworden, die 1949 in Ostberlin geborene Schriftstellerin und Malerin Barbara Honigmann. "Mehr als von allem anderen bin ich vielleicht von meinen Eltern weggelaufen und lief ihnen doch hinterher" schrieb sie in ihrem stark autobiographischen Buch "Eine Liebe aus nichts" von 1991.

Seit über 30 Jahren kreist ihr literarisches Werk um die eigene Familie, seit dem erfolgreichen Erstling, dem Erzählungsband "Roman von einem Kinde" von 1986, der ihrem 1984 verstorbenen Vater gewidmet war. Das Buch wurde damals mit dem Aspekte-Literaturpreis für das beste Debüt des Jahres ausgezeichnet.

Honigmann hat an der Humboldt-Universität studiert, dann Anfang der 70er Jahre als Dramaturgin und Regisseurin an verschiedenen DDR-Theatern gearbeitet, u.a. an einem Kleist-Projekt mit dem in Ost und West gleichermaßen berühmt gewordenen Regisseur Adolf Dresen, von dem sie in ihrer Liebesgeschichte "Bilder von A." (2011) erzählt.

Schreiben und Malen

Diese Epoche ist auch Thema in dem Briefroman "Alles, alles Liebe" (2000), er spielt unter Ostberliner Künstlern, junge, privilegierte Leute, Kinder jüdischer Emigranten, ein Bohéme-Leben, Liebschaften, Ressentiments zwischen Deutschen und Juden, innere und äußere Zerrissenheit, ein großes Wollen ohne Platz und Möglichkeiten.

Seit 1975 lebt Honigmann vom Schreiben und Malen. 1981 setzte sie auf der Suche nach ihrer jüdi-schen Identität mit ihrem Mann in der DDR eine jüdische Hochzeit durch. 1984 verließ sie mit ihrer Familie Berlin und siedelte nach Straßburg um. Seitdem wohnt sie dort in der Rue Edel, der sie ihr Buch "Chronik meiner Straße" (2015) gewidmet hat, in der sie in der Vielfalt der Kulturen, Religionen und Menschen die Welt erlebt. "1984 sind wir hier eingezogen, waren aus Ostberlin gekommen, und wenn wir gefragt werden, warum wir denn nicht einfach nach Westberlin gezogen sind, erklären wir, daß wir eine jüdische Familie sind und Anschluß an ein jüdisches Leben gesucht haben, das es in Deutschland nicht gibt."

Wer Barbara Honigmanns Bücher liest, wird von ihnen angesprochen wie von der Unmittel-barkeit und den Fragen guter Briefe an persönliche Freunde. Der Leser fühlt sich aufgefordert zu kommunizieren, zu antworten, über sich selbst nachzudenken. Denn dieses Nachdenken führen die Bücher Barbara Honigmanns vor. Es sind berührende poetische Kleinode der Selbstvergewisserung, der Fragen an sich selbst, das Gespräch mit den Eltern, die nicht mehr leben, die Antwort verweigert haben oder sprachlos waren. Vielleicht also "eine Auseinandersetzung mit sich selbst über die Unentrinnbarkeit des Gezeichnetseins?", wie es Barbara Honigmann in ihrem neuen Buch "Georg" als Frage formuliert.