"Zupfinstrumente berühren eine Saite tief in unserem Inneren": Avia Avital über die Mandoline. DG/H. Hoffmann
"Zupfinstrumente berühren eine Saite tief in unserem Inneren": Avia Avital über die Mandoline. DG/H. Hoffmann

Frischen Wind hat Avi Avital in die Klassikszene gebracht. Zum einen durch seine Mandoline: ein Instrument, das bis vor ein paar Jahren noch ein Schattendasein in der Klassikwelt fristete, allenfalls für neapolitanischen Schmalz und raues Western-Geklampfe stand. Zum anderen durch seine Offenheit, probt der israelische Künstler doch nicht nur den Brückenschlag von Bach zu bulgarischer Folkmusik, vom Barock zu Bloch, sondern liebt auch spontane Gast-Auftritte bei Jazz-Kollegen oder in Techno-Konzerten.

Vor seinem Konzert mit dem Kammerorchester "The Knights" in Wien hat die "Wiener Zeitung" den 40-Jährigen getroffen und mit ihm über die Wiederentdeckung der Mandoline gesprochen.

"Wiener Zeitung": Es gibt Violine und Gitarre, wozu braucht es da noch die Mandoline?

Avi Avital: Die Mandoline ist ein einzigartiges Instrument. Sie gehört zu einer der ältesten Instrumentengattungen der Welt. Die Tatsache, dass es bislang nicht wirklich bekannt ist, macht es für mich nur noch interessanter, dieses Instrument zu erkunden.

Bislang fristete sie in Konzerthäusern eher ein Schattendasein.

Das ist richtig - auch ich entdecke das Instrument immer wieder neu. Ich sehe dies eher als Vorteil, denn es gibt bei der Mandoline keine Musikerhistorie: Wäre ich Pianist oder Geiger, dann würden ein Jascha Heifetz und ein Isaac Stern auf meinen Schultern lasten und all die anderen großen Musiker - mit der Mandoline habe ich es da viel leichter.

Inwiefern?

Vor allem, wenn es um die Erwartungshaltung des Publikums geht. Das Instrument und sein Repertoire sind für die meisten eine Entdeckung. Hinzu kommt die intuitive und natürliche Art der Klangerzeugung: Man zupft eine Saite mit der Hand oder dem Plektrum - in der Musikgeschichte ist dies eines der allerersten Instrumentalkonzepte, unmittelbar nach der Trommel, lange vor den viel komplizierteren Holzbläsern oder Streichinstrumenten. Zupfinstrumente berühren außerdem eine Saite tief in unserem Inneren und erinnern uns an die allerersten Musikinstrumente der Welt. Dem Mandolinenklang wohnt daher eine ganz grundsätzliche Qualität inne.

Nämlich?

Spiele ich russische Musik auf der Mandoline, klingt es wie eine Balalaika; spiele ich griechische Musik, dann klingt es wie eine Bouzouki, bei arabischer Musik wie eine Oud - und bei italienischer Musik als wäre ich in Neapel: Die Mandoline hat eine Beziehung zu vielen unterschiedlichen Kulturen und Klangfarben.

Passt ein zartes Instrument wie die Mandoline in unsere Welt?

Genauso haben die Menschen vor hundert Jahren über die Gitarre gesprochen. Damals war diese ein Flamenco-Instrument, ernsthafte Musik spielte man nicht auf der Gitarre. Entsprechend gab es auch nur wenige, zudem völlig unbedeutende klassische Stücke für Gitarre. Doch dann tauchte da eines Tages ein junger Mann auf...

Sie sprechen von Andrés Segovia.

...und der sagte: Ich spiele jetzt Bach auf der Gitarre - und erstmals erklang in der Carnegie Hall Bachs Violin-Chaconne auf einer Gitarre. Dann ist Segovia zu den bekanntesten Komponisten seiner Generation wie de Falla, Albeniz, Rodrigo und Villa-Lobos gegangen und hat sie gebeten, Werke für die Gitarre zu schreiben - und so den Anstoß gegeben, dass viele Leute der klassischen Gitarre Werke gewidmet haben.

Etwas Ähnliches schwebt Ihnen auch für die Mandoline vor?

Segovia ist es gelungen, Vorurteile aus der Welt zu räumen und Musikliebhabern etwas Neues schmackhaft zu machen. Solch einer Idee möchte auch ich mein Leben widmen, weshalb ich laufend neue Stücke in Auftrag gebe und selbst jedes Jahr ein halbes Dutzend Uraufführungen spiele, sodass es in hundert Jahren vielleicht ein veritables Mandolinen-Repertoire gibt - und nicht nur die zwei Vivaldi-Konzerte.

Warum ist ein eigenes Repertoire für ein Instrument so wichtig?

Mit dem Repertoire entwickelt sich zum einen die Technik der Instrumentalisten weiter, zum anderen aber auch die der Instrumentenherstellung. Mein eigenes Instrument habe ich mit einem Mandolinenbauer entwickelt, um eine Mandoline zu kreieren, die für die Konzertsäle unserer Tage laut und farbenreich genug ist.