Ein Schriftsteller strandet auf dem Weg zu einer Lesung nach Kanada auf dem Frankfurter Flughafen. Um das lähmende Gefühl des Wartens und Zwischen-den-Stühlen-Sitzens zu durchbrechen, schickt er zunächst halbherzig Nachrichten an seine Frau, ohne große Resonanz. Nach vielen Stunden kehrt er überraschend nach Hause zurück, stößt auf einen ekelerregenden Gestank - und erlebt seine Frau so glücklich wie noch nie . . .

Die Einsamkeit, manchmal auch Verlorenheit des Mannes im mittleren Alter, das Beobachten des eigenen Alterns (und die entsprechende Realitätsverweigerung), die ersten Toten in der Familie und die jugendlichen Streiche im Kopf sind wiederkehrende Themen in Clemens J. Setz’ neuem Erzählband, "Der Trost runder Dinge".

Flashbacks in Kindheit

Manchmal wollen oder können Männer nicht erwachsen werden, wie der kinderlose, einsame 35-Jährige in "Die Gesichter in den Liftspiegeln der Hochhäuser". Er hat häufige Flashbacks in die Kindheit, fotografiert Schüler und Lehrer gegenüber von der Schule, telefoniert jeden Tag mit seiner Mutter, ist übertrieben höflich zu den Kindern seiner Freunde und Arbeitskollegen, "die es fast alle zu Patchworkfamilien gebracht hatten", und bemerkt eines Morgens den Geruch seines Vaters an sich. Zu seiner Routine gehört auch das Schwimmen nach der Arbeit. Eines Abends stiehlt er im Schwimmbad einem Paar, das mit Wasserpistolen aufeinander losging, eine Pistole, steht dann "verzaubert an der Straßenbahnhaltestelle und knipste die Pistole leer".

Weniger harmlos hätte der Besuch eines Mannes, der sich Peter Ulrichsdorfer nennt, bei Familie Scheuch ausgehen können. Unter dem Vorwand, er hätte seine Kindheit in ihrem Haus verbracht, verschafft er sich Zugang. Unter dem Sakko trägt er, wie üblich bei solchen Gelegenheiten, einen Elektroschocker. Herr Scheuch und sein Bruder führen ihn bereitwillig herum, löchern ihn mit Fragen nach Kindheitserinnerungen und zeigen entwaffnendes Mitgefühl.

In den ein- bis dreißig Seiten langen Geschichten setzt Setz spielerisch auf mehr oder weniger drastisch Unerwartetes, oft Sur-reales, um den Alltag seiner Pro-tagonisten aufzumischen. Eine offenbar psychisch kranke Schulkrankenschwester hält einen Schüler ein paar Tage lang bei sich zu Hause fest, unter dem Vorwand, seine alleinerziehende Mutter sei krank und sie selbst beauftragt worden, sich um ihn zu kümmern.

Schüler im Erotiklokal

In "Suzy" erinnert sich ein Mittdreißigjähriger, wie er als 16-jähriger Gymnasiast mit Freunden das Erotiklokal "Bang or Whimper" besuchte und dort an die Toilettentür seine Handynummer und darunter "Mein Mund wartet auf dich" schrieb. Die folgenden Anrufe und die Gespräche mit Männern, die seine fiktive Mutter Suzy sprechen wollten und denen er erzählte, er sei ihr 10-jähriger Sohn, der den ganzen Tag das Haus nicht verlassen dürfe, wenn ihre Kunden da seien, amüsieren den Teenager zunächst (und der Leser lacht mit ihm), wachsen ihm aber bald über den Kopf. Wie viele Protagonisten des Grazer Autors Setz hat auch dieser Marcel einen österreichischen beziehungsweise süddeutschen Zungenschlag.

In einigen Geschichten scheint die Idee im Kern erstickt, wie etwa in "Jugend": Auf drei Seiten entwickelt der Vater des Erzählers die Vorstellung, er sei erst 22 Jahre alt, findet jedoch bald folgenlos zu seinem tatsächlichen Alter von 45 zurück.

Vater als Nervenbündel

Psychologisch ausgearbeiteter, zudem böse und anrührend zugleich - und es gibt genügend Platz für Setz’ pointierte Dialoge - ist "Geteiltes Leid": Der alleinerziehende Vater Michael Zweigl ist ein Nervenbündel und liebäugelt mit dem Tod. Panikattacken versetzen ihn Tag und Nacht in Alarmbereitschaft, für seine Söhne bleibt ihm kaum (positive) Energie. Mehrfach hatte er geglaubt, einer seiner Söhne würde unter ähnlichen Angstzuständen leiden, und gehofft, endlich von jemandem verstanden zu werden.

Großartig, wie Setz die Ichbezogenheit und die inneren Kämpfe des Vaters beschreibt, seine Enttäuschung, als er merkt, dass die Angst seines Sohns Felix nur von einem gruseligen Bild beziehungsweise seine Beklemmungen von einer Magenirritation stammen. Und sein hilfloser Versuch, nach einer abstrafenden und den Jungen verschreckenden Predigt alles wieder gutzumachen . . .