RAF Camora (vorne) kehrt für einen Doppelschlag nach Wien zurück. Sein Brudi Bonez MC ist auch dabei. - © King Star Music
RAF Camora (vorne) kehrt für einen Doppelschlag nach Wien zurück. Sein Brudi Bonez MC ist auch dabei. - © King Star Music

Gerade gibt es im heimischen Pop-Zirkus wieder eine mittlere Aufregung. Die international erfolgreiche steirische Sängerin und Songwriterin Anja Plagsch alias Soap&Skin hat sich vom im April stattfindenden "Amadeus Award" zurückgezogen, weil sie dort für das "Album des Jahres" in dieselbe Kategorie nominiert wurde wie ein einschlägig bekannter Problembär: "Mich in derselben Kategorie sowie in derselben Veranstaltung mit einem Möchtegern-Magnaten zu wissen, der sein reaktionäres, nationalistisches, chauvinistisches und sexistisches Lebenskonzept zu kommerzialisieren weiß und hier Anklang findet, entsetzt mich."

$$ auf dem Konto

Gemeint ist natürlich Andreas Gabalier, wobei man da auch stutzig werden könnte. Ebenfalls in der Kategorie "Album des Jahres" kommt mit RAF Camora schließlich ein Mann vor, auf den die von Soap&Skin verwendeten Adjektive definitiv auch zutreffen, nur dass die Sache mit dem Möchtegern-Magnaten zu ihm noch wesentlich besser passt - vor allem, wenn man den Zusatz "Möchtegern" streicht. Als Macher seiner Selbst, als Labelgründer, Studiobesitzer, Bitcoin-Investor, Produzent und Herr seiner Modelinien ist der im Jahr 1984 in der Schweiz geborene Wahl-Berliner aus Wien ein Rap-Mogul nach US-Vorbild - und nicht nur gewissermaßen der Pate der Deutschrapszene mit Bezug zum sogenannten "Problemmilieu" und zur Straße.

Raphael Ragucci alias RAF Camora ist mit einer Milliarde Spotify-Streams als symbolischer wie harter kapitalistischer Währung auf der Habenseite auch der derzeit erfolgreichste Künstler aus Deutschland, der nicht Helene Fischer heißt. Am Wochenende wird der Triumphzug live auf der Bühne fortgeführt: Gemeinsam mit seinem Brudi Bonez MC und den Joint-Venture-Alben "Palmen aus Plastik" (2016) und "Palmen aus Plastik 2" (2018) im Gepäck wird die Wiener Stadthalle im Zuge einer groß angelegten Tour gleich zweimal erobert. Der Auftritt am Samstag ist ausverkauft, für Sonntag sind noch Restkarten erhältlich.

Daheim in "Rudolfscrime"

Anrainerinnen und Anrainer aufgepasst: In der Stadthalle und um sie herum herrscht akuter Halbstarkenalarm! Es geht in den musikalisch um jamaikanische Dancehall-Elemente und gut eingerauchten knieweichen Reggae im Dunstkreis von etwas Afro-Trap erweiterten Sprechgesängen außer um den Verkauf und Konsum von Marihuana und Kokain sehr gerne auch um Maseratis und Blingbling im Sinne von Immobilienbesitz und reichlich $$ auf dem Konto. Und es geht darum, dass nicht der klassische Bildungsweg zwischen Schulbankdrücken, Büffeln und Pauken (Wofür? Warum?), sondern eine rechtschaffen zwischen Muckibude und Hinterzimmern ohne Registrierkasse angesiedelte Karriere dafür verantwortlich ist, dass sich der Mann heute unsere Leben kaufen kann.

Man hört sehr viel sehr harten Harter-Macker-Akzent, kombiniert mit dem dafür unabdingbaren Idiom der Marke dicke Hose. In den zum Geldverbrennen (es ist ja genug davon da) genutzten Musikvideos kommen Kusengs, Schusswaffen und manchmal auch Frauen vor, die Popowokin und bitte nichts anhaben dürfen - sofern sie nicht unsere Mutter sind und beleidigt werden. Nette Geste übrigens, RAF Camora dreht seine Videos gerne im Süden, wo es wärmer ist.

Dazu der Einserschmäh: RAF Camora hat es geschafft, die Bezeichnung "Rudolfscrime" für seine langjährige Heimat im 15. Wiener Gemeindebezirk regelmäßig ins deutsche Formatradio und an die Spitze der Singlecharts zu bringen - und Fünfhaus für den Markt oben in Schland als Ghetto und "sozialen Brennpunkt" zu porträtieren, der es mit Chicago (dunkle Seitengassen bei Nacht) oder Rio (die Favelas über der Stadt) locker aufnehmen kann. Nur dass es dort keinen Ingenieur Lugner als Blockwart gibt.

Ob RAF Camora auch bei den Gemeinschaftsauftritten mit Bonez MC im Herzen der Hood seinen Solohit "Vienna" von 2017 spielen wird, ist nicht bekannt. Die Textpassage darüber, warum Frauen den Mund dann doch aufmachen dürfen, gehört aber zweifelsohne zum Sexistischsten und Dümmsten, das das Genre zu bieten hat.