Zu Lebzeiten Leonard Bernsteins wurden seine Werke oft als Dirigentenfutter für ihn selbst schief beäugt. In den letzten Jahren erweist es sich immer deutlicher, dass seine Konzertwerke weit mehr sind als Kapellmeisterkompositionen. Antonio Pappano hat nun mit dem glänzend disponierten Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia eine Einspielung der drei Symphonien vorgelegt, die sich von Bernsteins eigenen Interpretationen emanzipiert und beweist, dass Bernstein der Komponist auch ohne Bernstein den Dirigenten lebensfähig ist.

In der Ersten Symphonie "Jeremiah" betont Pappano die weiträumigen Spannungsbögen, Marie-Nicole Lemieux singt das Klagelied des letzten Satzes emphatisch, das Scherzo des Mittelsatzes ist ein Tanz, delikat zu Beginn, dann exzessiv gesteigert. Die Zweite Symphonie "The Age of Anxiety" durchzieht bei Pappano eine gewisse Nervosität, die sich nicht nur in den Zwölftonjazzpassagen niederschlägt. Beatrice Rana am Soloklavier ordnet sich dem Ganzen unter - völlig zu Recht, Bernstein wählte die Bezeichnung "Symphonie" bewusst, und mit Star-Allüren daraus ein Klavierkonzert zu machen, widerspricht dem Geist des Werks. Am überzeugendsten gelingt die dritte Symphonie "Kaddish", die nicht nur Bernsteins persönliche Auseinandersetzung mit seinem Vater und mit seinem Gott in eigentümlicher Überblendung ist, sondern auch dissonant aufbegehrende zwölftönige Gebilde mit süßer tonaler Kantilene konfrontiert. Schade, dass Pappano zwar Bernsteins originalen Text wählt, aber ihn von einer Frau sprechen lässt, wodurch die Gegenüberstellung von männlichem Sprecher und Gesangssolistin verloren geht. Insgesamt aber eine bemerkenswerte Veröffentlichung - mit "Prelude, Fugue and Riffs" als energiegeladener Zugabe.

Obwohl Konstantia Gourzi einen ganz und gar zeitgenössischen Zugang zur Musik pflegt, der unterschiedliche Positionen wie die von Kurtág ebenso kennt wie jene von Ligeti und Boulez, verbindet die griechische Komponistin und Bernstein, dass beide eine kommunikative Musik schreiben, die den Zuhörer auf ihre Art zu fesseln vermag.

Gourzi schreibt eine ungeheuer intensive Musik. Immer wieder schimmert die byzantinische liturgische Musik durch, geräuschnahe neuartige Streichereffekte evozieren paradoxerweise alte Rituale. Osmanische Instrumente wie Saz und Ney bringen kontrastierende Farben ins Spiel, ohne folkloristisch zu wirken. Es ist eine sehr eigenständige Musik mit fein ausgehörten Flächen und scharf gezackten Ereignissen, die wie Klangstelen, wie Male der Erinnerung in einer meditativen Klanglandschaft stehen. Nichts für nebenbei - aber eine Musik, die mit dem genauen Zuhören wächst.