Es wäre noch Platz für so manchen Müßiggänger - die Sommerfrische wich dem Kurztrip. Foto:bilderbox - © Erwin Wodicka / Erwin Wodicka
Es wäre noch Platz für so manchen Müßiggänger - die Sommerfrische wich dem Kurztrip. Foto:bilderbox - © Erwin Wodicka / Erwin Wodicka

Wien. "Und lass deine Melodien lenken / Von dem freigegebenen Wolkengezupf. / Vergiss dich. Es soll dein Denken / Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf." Schlicht "Sommerfrische" nannte Joachim Ringelnatz sein Gedicht, das einen wohl ewig gültigen Ratschlag an alle darstellt, es im Sommer etwas ruhiger angehen zu lassen. Als der Dichter diese Zeilen schrieb, gab es sie noch in Ausläufern, kurz vor ihrem wohl endgültigen Verschwinden in den Wirren der Weltkriege: die Tradition der Sommerfrische.

Die mehrwöchige Flucht aus der heißen, stickigen Stadt, mit Sack und Pack, die Begüterten samt Diener- und manchmal auch Liebschaft ins Landhaus, die weniger glücklichen in eine gemietete Pension. Wer Glück hatte und vorher entsprechend antichambrierte, wurde vielleicht sogar von Bekannten in sein Chalet eingeladen, wer Pech hatte, musste die Miete im Voraus bezahlen.

Ruhe haben - und Ruhe geben. Loslassen können. Zu sich finden. Nachher ein klein wenig anders sein als vorher. Diese Wünsche an jene Zeit im Jahr, die wir Urlaub nennen, sind nicht nur mehrheitsfähig, sie sind geradezu ein Selbstläufer - ganz oben in allen Befragungen der Touristiker. Soweit zu den Wünschen.

Nur eine Woche Zeit

Und doch sieht die Realität in den Statistiken ganz anders aus. Gerade einmal 3,5 Nächte bleibt der durchschnittliche Gast in Österreich, rechnet man Geschäftsreisen und Reisen mit mehreren Stationen heraus, bleiben für den heimischen Urlaubsgast 7,4 Nächte an einem Ort. Viel zu wenig, um wirklich loslassen zu können. Seit Jahren geht es abwärts, Anfang der Neunziger Jahre gönnte man sich noch 12,3 Nächte. Kein Vergleich mit einer Sommerfrische, die traditionell mehrere Wochen, wenn nicht sogar die ganzen Sommermonate dauerte.

In so viel freier Zeit kann man schon einmal auf dumme Gedanken kommen, wie schon Carlo Goldoni wusste, in dessen "Trilogie der Sommerfrische" es vor allem darum geht, wer bei und vor allem mit wem in welchem Landhaus übernachten wird - eine Frau, umschwärmt von zwei italienischen Lovern, ganz klassisch, der eine mittellos, der andere wohlhabend - so können vermeintlich entspannende Wochen auf dem Lande zur reinsten Brunftzeit werden. Düsterer kann es Arthur Schnitzler, der in seinem "Weiten Land" die Konflikte selbstverständlich gerade in der Zeit der Sommerfrische eskalieren lässt.

Doch so viel Zeit, als dass feine Bande entstünden, gönnen sich die Urlauber heute ohnehin schon lange nicht. Kaum angekommen, ist die Abreise auch schon wieder in Sichtweite. Gerade einmal drei Prozent der Feriengäste bleiben länger als zwei Wochen. Wie aber kommt es zu der Schere, die sich zwangsläufig aus den Erwartungen an einen Urlaub und der realistischen Durchführung ergibt? Anders gesagt: Wie soll man an einem Ort tatsächlich ankommen, wenn die Abreise schon wieder bevorsteht? Nicht immer sind es Sachzwänge, wie sinkende Urlaubsbudgets oder der immer härter werdende Arbeitsmarkt, der längere Urlaube schon im Ansatz verhindert. Immerhin wird heute jemand, der vier Wochen Urlaub am Stück konsumiert, ja als eher schräg angesehen, geht doch der allgemeine Trend zu kürzeren Urlauben, die dafür aber öfters im Jahr stattfinden. Das hat mit dem Hunger nach Erlebnissen genauso zu tun wie mit der Angst, woanders vielleicht etwas verpassen zu können.

Laissez-faire oder Charter?

Gut gemeinte Essays, die die Wiedereinführung der Sommerfrische fordern, verhallen da ungehört. Von Vogelgezwitscher ist dort die Rede, vom "sanften Sommerwind, der durch die Baumkronen streicht, satte Wiesen, würzige Luft, ein Ausblick auf die Berge, während man auf einer Holzbank übers Altwerden nachdenkt". Statt Laissez-faire jettet man im vollen Charterflieger unklarer Provenienz dem heuer medial angesagten Megatrend hinterher und drängt sich dort dann mit denen, die diesen Reisetipp in der Zeitschrift des Vertrauens beim Warten im Friseursalon ebenfalls gelesen haben.

Dabei ist das mit dem Laissez-faire zumindest traditionell ein halbes Missverständnis. War die Wurzel der Sommerfrische, wie sie spätestens im 19. Jahrhundert populär wurde, doch oft eher pragmatischer Natur. Zumindest bei den Gutsbesitzern gebot es sich, im Sommer die Arbeit auf den Gütern zu überwachen, die immerhin die Basis des materiellen Wohlstandes war. War die Ernte sicher im Kasten, konnte man den Winter wieder im Stadtsitz verbringen und sich den dortigen Lustbarkeiten hingeben.

Doch auch wer nicht unbedingt zum Businesstrip ins Salzkammergut oder an den Semmering fuhr, schätzte die Kühle der Berge angesichts der durch die Hitze damals oft unhygienischen Bedingungen in den Städten - lange bevor Klimaanlagen den Sommerkomfort hoben und auch in der heißen Zeit ein Arbeiten ohne Pause ermöglichten. Auch gerne praktiziert wurde, die Familie auf Sommerfrische zu schicken, selbst jedoch nur am Wochenende nachzukommen. Das ließ ungestörte Zeit für wichtige Dinge - welcher Art auch immer.

Die Angst vor der Leere

Ungestörte Zeit. Zeit, die nicht von vornherein verplant ist. Die gähnende Leere im Kalender. Mit diesen Dingen tun sich viele Urlauber schwer. Fast hektisch sucht man, die Urlaubstage voll auszukosten und daher mit Aktivitäten aller Art zu füllen. "Multioptionaler Gast" heißt das im Jargon der Touristiker. Da wird an einem Tag gewandert, dann steht Wellness auf dem Programm, Kultur und Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten müssen natürlich auch sein, bevor man sich wieder zum Schwimmen an den See zurückzieht. Wer auf die Frage "Was machen wir heute?" im Urlaub mit einem "Auf der Bank sitzen und nichts tun" antwortet, wird in einer Gesellschaft, in der sich der ubiquitäre Leistungsdruck durchaus auch auf den Urlaub durchschlagen kann, von vielen für nicht ganz dicht gehalten.