Bei den Begriffen "Auswanderung aus Österreich" und "Emigration" denkt man in erster Linie an die nach 1938 aus rassischen und politischen Gründen Vertriebenen und eventuell noch an die

Burgenländer, die in der Zwischenkriegszeit in den USA ihr Glück suchten. Daß Auswanderung aus Österreich aber ein viel komplexeres Phänomen ist, macht ein im Böhlau-Verlag erschienener umfangreicher

Sammelband zur österreichischen Migrationsgeschichte deutlich, der Auswanderungen von der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zur Gegenwart untersucht.

Allein zwischen 1876 und 1910 wanderten allein aus der österreichischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie 1.844.696 Menschen nach Übersee aus, der größte Teil von ihnen, 1.531.382 nach den USA,

151.913 nach Kanada, aber auch 94.047 nach Argentinien und 55.860 nach Brasilien. Immerhin 3.919 Österreicher verschlug es bereits in diesem Zeitraum nach Australien.

Während die Emigration in den Kriegsjahren zwischen 1914 und 1918 weitgehend zum Stillstand kam, setzten sie ab 1919 wieder voll ein. 80.164 Österreicher verließen ihr Heimatland zwischen 1919 und

1937 mit dem Ziel eines außereuropäischen Staates. Hauptziel blieben wieder die USA mit ca. 34.000 Einwanderern, gefolgt von Brasilien (15.400) und Argentinien (11.300). Besondere Beiträge des Bandes

beschäftigen sich mit mehr oder weniger geglückten, beziehungsweise schiefgegangenen Auswanderungsprojekten in Brasilien und in der Sowjetunion, wo es bereits vor den Schützbündlern, die nach dem

Bürgerkrieg im Februar 1934 dort Aufnahme fanden, ein landwirtschaftliches Projekt in Kasachstan gab, das aber jämmerlich scheiterte.

Noch bevor die Nazis nach dem Anschluß im März 1938 etwa 128.500 Österreicher jüdischer Religion aus dem Land vertrieben, emigrierten zwischen 1933 und 1938 mehr als 60.000 Österreicher nach Nazi-

Deutschland, z.T. aus politischen, z.T. aus wirtschaftlichen Gründen.

Aber auch die Auswanderung nach 1945 in ihren vielfachen Ausprägungen wird in 13 Kapiteln des Buches beleuchtet, die von den sogenannten "Heiratsmigrantinnen" der Jahre zwischen 1945 und 1955, über

Grenzpendler bis zu eher exotischen Themen wie Auswanderung nach Australien und Neuseeland und Äthiopien reichen.
Traude Horvath/Gerda Neyer (Hg.): Auswanderungen aus Österreich · Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Böhlau Verlag, 736 Seiten.