Michael Ondaatje. - © Rune Hellestad/Corbis
Michael Ondaatje. - © Rune Hellestad/Corbis

"Aber nun war beschlossen worden, dass ich mit dem Schiff nach England reisen sollte, und zwar ganz allein." Das Schiff heißt Oronsay und fährt Mitte der 1950er Jahre von Ceylon, dem späteren Sri Lanka, durch den Indischen Ozean über den Golf von Aden, das Rote Meer und durch den Suezkanal nach London. Ceylon hat sich zu dieser Zeit bereits vom Britischen Empire unabhängig gemacht, auf dem Schiff befinden sich deshalb viele Menschen aus der ehemaligen Kolonie, die ihre Lebenswelt teils gezwungenermaßen, teils freiwillig nach England verlegen.

Der Icherzähler des Romans ist ein Schriftsteller, der sich an diese erste große Reise seines Lebens erinnert: Damals ist er elf, wird Mynah gerufen und von Verwandten zu seiner Mutter nach England geschickt, die er seit Jahren nur noch von Fotos kennt.

Mynah bleibt während der Überfahrt ohne Aufsicht von Begleitpersonen. Wohl hat eine entfernte Bekannte der Familie versprochen, sich um das Kind zu kümmern, doch wird ihr die Pflicht bald lästig, und so gerät die Fahrt für Mynah zwangsläufig zu einer Reise ins Erwachsenwerden. Obwohl bereits mit den angsteinflößenden Erfahrungen von Verlust und Exil konfrontiert, darf er die Kindheit noch einigermaßen unbeschwert genießen: Zwei gleichaltrige Mitreisende in ähnlicher Lage werden zu seinen Freunden, und es fällt dem munteren Trio gar nicht ein, sich an die Schiffsordnung zu halten.

Auch die Erwachsenen, die mit am "Katzentisch" sitzen, das heißt fernab vom Tisch des Kapitäns, nehmen es mit den Vorschriften nicht ganz genau. Mynah beäugt das seltsame Sammelsurium unterschiedlichster, zum Teil skurriler Persönlichkeiten sowie die Passagiere der Luxusklasse sehr aufmerksam. Seine durch die Erwachsenensicht gefilterten Beobachtungen haben Charme und Originalität, doch es braucht einige Zeit, bis sich aus den kleinen Episoden zusammenhängende Geschichten entspinnen.

Schon möchte man eine dramaturgische Flaute vermuten, da bekommt die Erzählung wieder Fahrt. Es passieren eigenartige, lustige, aber auch tragische Dinge; Mynah findet in seiner Cousine Emily eine Vertraute, es wird heimlich geliebt, gestohlen und intrigiert, auch kommen Menschen auf seltsame Art zu Tode, sodass stellenweise sogar thrillerartige Spannung aufkommt. Dennoch braucht man Geduld. Denn was für das Kind noch nicht durchschaubar ist, ergibt für den Erwachsenen und damit für die Leser neue Sinnzusammenhänge.

Durch Ondaatjes Prosa schimmert immer wieder seine lyrische Ader, manche Passagen sind von ergreifender Schönheit. Autobiographische Notizen mögen durchaus eingearbeitet sein, denn auch Ondaatje, der für seinen Roman "Der englische Patient" den Booker-Preis erhielt, stammt aus Sri Lanka und hat als Elfjähriger eine solche Seereise unternommen.

Andererseits manifestiert sich auf nahezu jeder Seite seine ausufernde Fantasie, die jeden Einwand, es könnte vielleicht zu dick aufgetragen sein, mit einem Schwall an brillanten Formulierungen über Bord spült.