"Wiener Zeitung": Frau Said, das West-Östliche Divan Orchester trat diesen Sommer zum wiederholten Mal in Salzburg auf. Es erhält in Europa, in Amerika, in Ostasien Applaus. Aber in der Region des Nahen Ostens tut es sich offenbar schwer.

"Musikunterricht hilft den Kindern, sich zu konzentrieren, lehrt ihnen Disziplin, und lenkt sie gleichzeitig etwas von der Situation rundherum ab. Aber es soll keine Flucht vor der Realität sein." - © Foto: Neumann
"Musikunterricht hilft den Kindern, sich zu konzentrieren, lehrt ihnen Disziplin, und lenkt sie gleichzeitig etwas von der Situation rundherum ab. Aber es soll keine Flucht vor der Realität sein." - © Foto: Neumann

Mariam Said: Ja. Wir haben zwar 2003 in Rabat gespielt, und 2005 unter größten Schwierigkeiten in Ramallah. Die Musiker mussten damals mit spanischen Diplomatenpässen anreisen, und wir konnten nicht einmal über Nacht bleiben. 2010 haben wir in Qatar ein Konzert gegeben, aber nur für geladene Gäste, die Herrscherfamilie, die Oberschicht, Diplomaten. Die Konzerthalle war nur halbvoll. Und die Situation wird schwieriger. Ein Konzert am Tahrir-Platz in Kairo ist geplant, aber sehr unsicher. Ägypten hat zwar den Friedensvertrag und vielerlei Zusammenarbeit mit Israel, aber leider diesen dummen Kulturboykott. Ägypten sollte eigentlich eine Brücke für die isolierten Palästinenser in Gaza, im Westjordanland sein.

Wird im Nahen Osten klassische Musik überhaupt als Teil der eigenen Kultur wahrgenommen? Gibt es einen Platz für sie?

Edward, mein verstorbener Mann, war immer gegen kulturelle Stereotype. Er hat gegen den Orientalismus gekämpft, einen scheinbar aufgeklärten, aber auch überheblichen westlichen Blick auf den sogenannten Orient. Er war von einem kulturellen Kanon überzeugt, einem gemeinsamen Erbe der Menschheit, der gelehrt und gelernt werden sollte. Klassische Musik gehört dazu. Natürlich gibt es immer wieder engstirnige Meinungen, auch unter Arabern: klassische Musik sei nicht Teil unseres Kulturkreises; und umgekehrt: Europäer oder Israelis könnten unsere nahöstlichen Musikinstrumente nicht spielen, sich nicht einfühlen. Das ist natürlich alles Unsinn.

Musik als völkerverbindende Kraft wird vielfach strapaziert.

So, wie wir in einem Orchester spielen, so benehmen wir uns in der Gemeinschaft. Unsere jugendlichen Musiker erleben Zusammenspiel und Gleichberechtigung. Das Orchester, aber vor allem auch unsere Musikerziehungsprogramme regen die jungen Menschen an, einander zuzuhören, sich zu öffnen, und dabei zu lernen, Erkenntnisse an die Stelle von Vorurteilen über den jeweils Anderen treten zu lassen - auch wenn sie nicht unbedingt mit der Sichtweise des Anderen einverstanden sind. Im Dialog werden sie herausgefordert, selbst zu denken, Widersprüche zu erkennen und vielleicht alternative Wege für eine festgefahrene Situation zu finden. Denken Sie an das Prinzip des Kontrapunktes: Die einzelnen Stimmen werden als selbstständige Objekte wahrgenommen. Das Endergebnis ist Harmonie auf einer höheren Ebene. Wir sind kein politisches, sondern ein kulturelles und humanitäres Projekt. Verständnis ist der Anfang, um tiefes Misstrauen abzubauen. Wir sind der Mikrokosmos einer Gesellschaft, die noch nicht existiert.

Ist aber nicht allein schon die Existenz des West-Östlichen Divan Orchesters schon politisch?

Das Orchester ist unser sichtbarstes Aushängeschild. Unsere Stiftungen kümmern sich um weit mehr. Die Musikausbildung steht an erster Stelle, dann der humanistische Aspekt, die Förderung von Toleranz und friedlichem Miteinander. Wir unterstützen eine Vielzahl von Projekten in der Region, für alle Altersstufen vom Kindergarten- bis zum Konservatoriums-Niveau, etwa in Ramallah, in Bir Zait, in Nazareth und Jaffa. Wir erteilen Unterricht, um Musik zu einem Teil des Curriculums zu machen. Einige Programme wenden sich besonders an Mädchen. Durch die Besatzungssituation gibt es an palästinensischen Schulen mehr Schließ- als Unterrichtstage.

Daniel Barenboim mit dem West-Östlichen Divan Orchester, das aus rund 40 Prozent Arabern, 40 Prozent Israelis und anderen Musikern u.a. aus Spanien, Iran und der Türkei besteht. - © WEDO/Luis Castilla
Daniel Barenboim mit dem West-Östlichen Divan Orchester, das aus rund 40 Prozent Arabern, 40 Prozent Israelis und anderen Musikern u.a. aus Spanien, Iran und der Türkei besteht. - © WEDO/Luis Castilla

Edward war überzeugt, dass Erziehung, Bildung die Menschen ändern und eine ausgeglichene geistige, emotionale und soziale Entwicklung fördern können. Musikunterricht hilft den Kindern, sich zu konzentrieren, lehrt sie Disziplin, und lenkt sie gleichzeitig etwas von der Situation rundherum ab. Aber es soll keine Flucht vor der Realität sein.

Alle Menschen haben ein Bedürfnis, sich auszudrücken, besonders, wenn sie unter einer Besatzung leben. Etwa durch Theater, nicht nur in jenem von Juliano Mer-Khamis (kontroverser Israelisch-palästinensischer Theatermacher, der 2011 ermordet wurde, Anm.), oder eben über Musik. Die Kinder, die Musiker sind genauso wie alle anderen Menschen dieser Welt: Sie wollen sich verbessern, wollen etwas erreichen. Daniel Barenboim ist unendlich geduldig mit den Jüngsten, und fordert die schon etwas älteren Jugendlichen.

Wie ist die derzeitige Zusammensetzung im Orchester?

Ungefähr 40 Prozent Araber, 40 Prozent Israelis und 20 Prozent andere, in erster Linie Spanier, einige Türken und Iraner. Können und Talent sind die Kriterien für die Aufnahme. Da das künstlerische Niveau des Orchesters in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, hat sich die Rekrutierung von ausgezeichnetem arabischem Nachwuchs etwas erschwert. Ich versuche, mich speziell um die arabischen Musiker zu kümmern. Hoffentlich wird die Divan-Akademie in Berlin zur Ausbildung junger Talente 2015 verwirklicht.

Was ist die größte Herausforderung für das Orchester? Und was die größte Enttäuschung?