Pop schreibt nicht nur Geschichte, sondern auch Geschichten. Und Geschichten haben zumeist Helden: Nachdem der britische Musikhistoriker Michael Heatley 2010 im Buch "Das Mädchen aus dem Song" die weiblichen Protagonisten aus 50 Pop-Songs vorgestellt hat, ist er Ende des abgelaufenen Jahres mit den männlichen Hauptdarstellern herausgekommen.

Der Culture Club-Klassiker "Do You Really Want to Hurt Me?" handelt vom problematischen Verhältnis zwischen Sänger Boy George (Bild) und dem Schlagzeuger und Lover Jon Moss. - © Foto: EPA/Kiko Huesca
Der Culture Club-Klassiker "Do You Really Want to Hurt Me?" handelt vom problematischen Verhältnis zwischen Sänger Boy George (Bild) und dem Schlagzeuger und Lover Jon Moss. - © Foto: EPA/Kiko Huesca

"Der Typ aus dem Song", bei dem sich Heatley der Unterstützung seines Kollegen Frank Hopkinson bediente, folgt Charakteren aus Songs von den Beatles, Pearl Jam, den Pretenders, Pink Floyd, Eric Clapton, Bob Dylan, Joan Baez, Joni Mitchell, Bruce Springsteen, Lady Gaga, Lou Reed und anderen.

Analysiert und entschlüsselt werden u.a. Hits wie "Hey Jude", "Tears in Heaven", "Luka", "Walk On The Wild Side", "Man On The Moon", "You’re So Vain". Nur selten - wie etwa mit Laudon Wainwright III und seinem Sohn Rufus, Franz Ferdinand, den Ramones oder P.J. Harvey - schert das Buch aus dem All-Time-Hits- und Evergreens-Kanon aus.

Thema Homosexualität

Auch wenn gerade die Passage über P.J. Harveys "Memphis", das vom Ertrinkungstod Jeff Buckleys handelt - der die Pop-Branche im Verhältnis zu Buckleys Breitenwirksamkeit überproportional stark erschüttert hat -, Sehnsucht nach mehr solcher ausgefalleneren Geschichten weckt, ist es gewiss legitim und sogar nützlich, die Koordinaten der Auswahl mainstreamig abzustecken. Auf diese Weise lässt sich feststellen, wie weit gesellschaftlicher Wandel - für den Pop seit jeher ein feiner Seismograph war - in der Breite angekommen ist.

Und dabei manifestiert sich in Teilbereichen Erstaunliches. Etwa durch die Art, wie im Pop mit dem Thema Homosexualität umgegangen wird. Nimmt man Heatleys Bücher als Maßstab, so haben Männer von der liberaler gewordenen Haltung westlicher Gesellschaften zum Thema gleichgeschlechtliche Liebe wesentlich stärker profitiert oder jedenfalls viel offensiver Gebrauch gemacht als Frauen: Während es vergleichsweise wenige bekennende lesbische Musikerinnen und noch weniger Songs mit lesbischen Inhalten gibt - auch nicht in Alternative- und Nischenbereichen -, ist bei den Männern Homosexualität ein prominenter Topos.

Er würde sich noch prominenter darstellen, hätten Heatley und Hopkinson die Indie-Szene stärker berücksichtigt. Das ändert nichts daran, dass Homosexualität bei Männern ein echter Schlager sein kann: Die Charts haben diese Prämisse immer wieder belegt - vom Culture Club-Klassiker "Do You Really Want to Hurt Me?", der vom problematischen Verhältnis zwischen Sänger Boy George und Schlagzeuger und Lover Jon Moss handelt, bis zu George Michaels "Amazing", das seinem Langzeit-Freund Kenny Goss gewidmet ist. "Der Typ aus dem Song" führt als weitere Beispiele für schwule Konnotationen in Pop-Songs Rufus Wainwrights "Zebulon" auf; im weiteren Sinn Lou Reeds "Walk On The Wild Side", Franz Ferdinands "Michael", "William, It Was Really Nothing" von den Smiths; mittelbar auch Elton Johns "Someone Saved My Life Tonight" und Rod Stewarts Mörder-Ballade "The Killing Of Georgie".

Grundsätzlich fällt auf, dass die Typen-Auswahl und inhaltliche Bandbreite bei männlichen Pop-Protagonisten viel größer ist als bei den weiblichen. Das Rollenprofil von Frauen in "Das Mädchen aus dem Song" ist sehr eng definiert; genauer gesagt, auf ein Substantiv zu reduzieren: die Geliebte. Variabel sind nur die vorangestellten Attribute: ewige, ehemalige, künftige, aktuelle, begehrte, phantasierte, aufregende, langweilige, verlassene, zu verlassende, zurückgewünschte.

Männer kommen, außer im geschilderten schwulen Kontext, vor als Kumpel, als Väter/Söhne, als Rivalen, als Exzentriker, als Opfer vor. Nur etwa 15 bis 20 Prozent in dem Buch gehören Hetero-Beziehungsgeschichten üblichen Zuschnitts. Und: Nicht einmal die Hälfte der 50 Songs stammt von Frauen, während im Buch über weibliche Protagonisten, mit einer Ausnahme, alle von Männern stammen. Wenn auch relativierend angemerkt werden muss, dass "Das Mädchen aus dem Song" Verlustangst-Klassiker wie Dolly Partons "Jolene" oder auch Songs über Mütter ignoriert, kann doch festgestellt werden, dass Frauen relativ selten über andere Frauen, Männer hingegen durchaus viel(-schichtig) über andere Männer schreiben. Darin spiegeln sich aufschlussreiche Erkenntnisse über Männerbündelei und ein Rollenverständnis, das man sich gemeinhin wohl etwas fortschrittlicher vorgestellt hätte.

"Wild Horses" fehlt


Übrigens steht diese nirgendwo explizit geäußerte, nur zwischen den Zeilen herauszulesende Erkenntnis prototypisch für den Charakter der Bücher: Ihre substanziellen Stellen scheinen den Autoren einfach passiert zu sein. An sich ist ihr Weg der des geringsten Widerstandes. Und das führt nicht immer zu befriedigenden Ergebnissen: Wenn es denn unabdingbar gewesen sein soll, zum hundersten Mal die "Layla" in Eric Claptons gleichnamigem Klassiker als George Harrisons Ex-Frau Patty Boyd, oder den "Crazy Diamond" im Pink Floyd-Song als Syd Barrett zu enttarnen, fragt man sich, warum solche Kaliber wie "Wild Horses" fehlen.