Als der Filmmusik-Oscar des Jahres 1955 vergeben wurde, ließ die Dankesrede stutzen. Dimitri Tiomkin, soeben ausgezeichnet für einen Katastrophenfilm, dankte nämlich an unvermutet erlauchte Adresse - namentlich den Herrn Johannes Brahms, Richard Strauss, Richard Wagner. Ironieverdacht lag in der Luft: Hochkultur-Idole, zum Steigbügelhalter herabgelobt? Klang nach einer Parodie auf arrogante Hollywood-Stars. Aber man konnte Tiomkins Worte auch für bare Münze nehmen.

Liebesbeziehung mit der Welt - und der Musik Wagners: Charlie Chaplin als Hitler-Alter-Ego in dem Filmerfolg aus dem Jahr 1940 "Der große Diktator". - © Bettmann/Corbis
Liebesbeziehung mit der Welt - und der Musik Wagners: Charlie Chaplin als Hitler-Alter-Ego in dem Filmerfolg aus dem Jahr 1940 "Der große Diktator". - © Bettmann/Corbis

"Das Material der Vulgärmusik ist das veraltete oder depravierte (entstellte, Anm.) der Kunstmusik", hat Theodor W. Adorno geätzt und traf gerade bei der Filmmusik ins Schwarze. Bis in die 60er Jahre schlug die vornehmlich aus einer Ästhetik Kapital, deren Schöpfer längst verblichen waren - und sie hatte in Wagner den wohl wichtigsten Inspirationsquell. Zwar mag man zweifeln, ob das Operngenie, hätte es im 20. Jahrhundert gelebt, der Filmkomponist Nummer eins geworden wäre, wie der Wiener Soundtrack-Schreiber Max Steiner ("Casablanca") glaubte. Wer aber die popkulturelle Relevanz jenes Mannes ermessen will, dessen Mühen und Trachten dem "Kunstwerk der Zukunft" galt, landet heute im Kino.

Dort wagnert es weiter beträchtlich. Man muss weder "Parsifal" noch "Tristan" gehört haben, um einen ungefähren Eindruck dieser Wirkmacht zu erhalten: Das tun schon Filmkomponisten wie John Williams. Die wuchtigen Bläser aus "Indiana Jones", die Sphärenstreicher der "Star Wars"-Saga: Raffinierte Leihnahmen sind das. Ganz zu schweigen von Wagners Leitmotiv-Technik: Die Kennmelodien für Handlungsträger sind in den Orchester-Soundtracks längst State of the Art.

Das mythische Kraftwerk


Bei einem Opernkomponisten mag es zwar paradox anmuten: Im Gegensatz zu italienischen Kollegen hat der Bayreuther Festspielgründer der Popkultur keinen richtigen "Hit" hinterlassen (sieht man vom Brautchor aus "Lohengrin" ab). Sein Orchester aber war Geschenk genug: So subtil da die Farbeffekte gemischt sind, so mächtig, so massentauglich ist die Sogwirkung. Dieses "mythische" Musiktheater, schreibt Rüdiger Safranski, "will förmlich hineinzwingen in eine gesteigerte Wahrnehmung, in der sich ‚ungeahnte Bedeutungsfülle auftut‘."

Nun ist Vieldeutigkeit nicht unbedingt das, wonach der Mainstream-Produzent von heute lechzt. Weil in der Geschichte aber kein zweiter Komponist ein Bühnengeschehen derart orchestral zu befeuern wusste, avancierte Wagners Klangsprache zum Film-Modell. Wobei in manchem Soundtrack dann kein nachgeborener "Schmiedl", sondern der Schmied selbst zu Worte kommt.

So hat das Entertainment-Zeitalter doch noch manchen Wagner-Hit geboren. Einsam an der Spitze freilich: der "Walkürenritt". Francis Ford Coppola verhalf ihm in "Apocalypse Now" (1979) zu grausiger Berühmtheit: Wenn die US-Soldaten von der Luft aus ein Vietnamesendorf niedermähen, dröhnt aus einem Kampfhubschrauber just Wagners Klanggemälde von den fliegenden Geisterwesen. Die Szene dürfte freilich auch durch einen anderen Umstand motiviert gewesen sein: die Vereinnahmung Wagners durch die NS-Propaganda. Die traf den Notensetzer, der das Deutsche glorifizierte und sein Pamphlet gegen das "Judenthum in der Musik" zweimal herausbrachte, zwar nicht ganz ohne Grund. Gleichwohl hätte er es kaum goutiert, dass die Nazis ihre Filmberichte über Bombardements mit dem "Walkürenritt" garnierten und Bayreuth in einem Propagandastreifen ("Stukas") zum Lourdes für sieche Soldaten stilisierten.

Lohengrins Globus


Heroismus, braun verbrämt: Das schwingt nicht selten mit, wenn die Popkultur auf den Gesamtkunstwerker kommt. Es geht freilich auch mit Ironie: "Immer, wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis, in Polen einzumarschieren", ließ Woody Allen einen seiner Protagonisten sagen. So leicht Lachen hatte das Publikum des Jahres 1940 zwar noch nicht - dennoch gelang Charlie Chaplin mit seiner Hitlersatire vom "Großen Diktator" sein größter Filmerfolg. Auch da war Wagner Pflicht: Während Chaplins Führer seinen Globus mit der Inbrunst eines Verliebten herzt, schluchzen die Streicher aus dem Vorspiel zu "Lohengrin".

Die Looney Tunes kommen in ihrer Wagner-Parodie "What’s Opera, Doc?" 1957 dann schon ohne Nazis aus. Dafür wird der Heroismus des unbescheidenen Tonsetzers gründlich zerlegt, liefern hier doch Bugs Bunny und Elmer Fudd, der dusselige, doch stets schussbereite kleine Jäger, ihre eigene Version vom "Ring des Nibelungen" - mit Fudd als mächtig-schmächtigem Thor und Bugs Bunny als Brünnhilde. Die sprengt dann mit germanenblonden Zöpfen auf einer fülligen Stute daher. Freilich kann es Opernfreunde da schon irritieren, dass die Comic-Helden nicht nur zum "Walkürenritt", sondern gleich auch zum "Tannhäuser"-Pilgerchor herzergreifend falsch jaulen - aber immerhin geht diese Mini-Oper ("Was habt ihr erwartet?") genregemäß schlecht aus.