"Das ganze Land erbebt / Vom Schmerz all jener / die gepeinigt von den Grundherrn, in Not und Elend leben / Kommt, greift euch Äxte, Pfeil und Bogen / Lieber den Tod erleiden als so weiter leben!" Dieses Lied findet sich im Roman "Aufstand im Mundaland" der indischen Autorin Mahasweta Devi, in dem sie den Aufstand der Mundas, die zur Urbevölkerung Indiens zählen, gegen die britische Kolonialherrschaft beschreibt.

Ranajit Guha, der am 23. Mai 90 Jahr alt wird, mit seiner Ehefrau Mechthild, 2008. - © Foto: Nonica Datta
Ranajit Guha, der am 23. Mai 90 Jahr alt wird, mit seiner Ehefrau Mechthild, 2008. - © Foto: Nonica Datta

Diese literarische Schilderung einer Rebellion skizziert den Grundgedanken einer Gruppe von indischen Historikern, die ihre Arbeiten unter dem Sammelbegriff Subaltern Studies veröffentlichte. Ihre Intention bestand darin, eine Geschichte derjenigen zu schreiben, von denen in offiziellen Dokumenten zwar die Rede ist, aber deren eigene Stimme durch den Filter der dominanten Gruppen verzerrt wird. Ranajit Guha, einer der international bedeutendsten Historiker der Gegenwart und Begründer der "Subaltern Studies", formulierte dies folgendermaßen: "Die Stimme, lange unbeachtet von denen, die in der zugemauerten Stadt institutioneller Politik und akademischer Wissenschaft lebten, schallte heraus aus den Tiefen einer autonomen Parallelwelt".

Nicht-elitäre Sichtweise

Geboren wurde Ranajit Guha am 23. Mai 1923 auf einem Landgut im heutigen Bangladesh. Er kam also noch während der englischen Kolonialherrschaft zur Welt, was zur Folge hatte, dass sein offiziell eingetragener Geburtstag der 1. 3. 1923 ist. Er studierte Geschichtswissenschaft an der University of Calcutta, wo er 1946 promovierte. Bereits 1940 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Indiens, die er 1956 aus Protest gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn verließ.

Nach dem Abschluss seiner Studien lehrte Guha hauptsächlich an den Universitäten von Manchester, an der University of Sussex und an der Australian National University. 2001 nahm er eine Gastprofessur am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Wien an, wo er nunmehr mit seiner österreichischen Ehefrau sehr zurückgezogen lebt.

Die Subaltern Studies, die untrennbar mit Guha verbunden sind, begründete er mit einer Gruppe von Historikern in den 1970er Jahren. Besonders wichtig war für ihn - nach seinem Austritt aus der Kommunistischen Partei Indiens - die Unabhängigkeit der Subaltern Studies Group. Es existierten keine vorgegebenen Richtlinien, kein Dogma, das man befolgen musste. "Es gab auch keinen Propheten" - so Guha im Gespräch mit dem Autor -, "der die Lehren der Gruppe verkündete; auch kein Politbüro, das die wissenschaftliche Arbeit überwachte. Dank dieser Freiheit war es uns möglich, kritisch die koloniale Geschichte Indiens zu analysieren."

Die Mitglieder der Subaltern Studies suchten nach einer nicht-elitären Geschichtsschreibung, die sich im Falle Indiens sowohl gegen kolonialistische als auch nationalistische Historiker wandte, weil diese nach Ansicht Guhas eine elitäre Sichtweise vertraten, die die Subalternen eben nicht als eigenständige Subjekte anerkannte, die ihre eigene Lebensform gestalteten. Dagegen betonte Guha, dass es im kolonialen Indien eine autonome Bewegung der indigenen Bevölkerung gegeben habe, für welche die Baueraufstände das beste Beispiel seien. Diese These entfaltete er in seiner umfangreichen und detaillierten Studie "Elementary Aspects of Peasant Insurgency in Colonial India", die man mit "Wesentliche Aspekte der Bauernaufstände im kolonialen Indien" übersetzen kann. Sie erschien 1983 und gilt heute als Standardwerk.

In diesem Buch wandte sich Guha auch gegen marxistische Interpretationen, die behaupteten, dass diese Aufstände nicht politisch wären, weil es kein Klassenbewusstsein gegeben hätte. Ein prominentes Beispiel dafür war der englische Historiker Eric Hobsbawm, der in seinem Buch "Die Banditen. Räuber als Sozialrebellen" Outlaws wie etwa Robin Hood mit Subalternen gleichsetzte und sie als subversive Kämpfer gegen die herrschende Ordnung bezeichnete, ihnen aber politisches Bewusstsein absprach. "Sie sind präpolitische Menschen", schrieb Hobsbawm, "die gerade erst dabei sind, eine ihnen gemäße Sprache zu finden, in der sie das, was sie bewegt, ausdrücken können."

Guha widersprach Hobsbawm und berief sich auf die Arbeiten des undogmatisch-marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci, (1891-1937). Gramsci hatte die ausgebeuteten Arbeiter und die marginalisierten Bauern Süditaliens als Subalterne bezeichnete. Er ging von der Annahme aus, dass diese Subalternen durch die herrschende Klasse gehindert würden, ihre Interessen zu vertreten. Gramsci empfahl den Subalternen, sich politisch und öffentlich zu artikulieren, um die politische und kulturelle Hegemonie der Herrschenden zu durchbrechen.

Guha nahm diesen Hinweis auf und stellte in seinen Analysen der Bauernaufstände in Indien fest, das die Subalternen Gramcis Aufforderung bereits realisiert hatten. Bei ihnen fand sich ein politisches Bewusstsein, das sich in gewalttätigen Aktionen gegen die Kolonisatoren äußerte. Ihre Vorgangsweise ähnelte der Taktik von Partisanen; ihren Aktionen lag durchaus ein politisches Kalkül zu Grunde, wie Guha in einer Analyse von rund hundert Bauernaufständen des 19. Jahrhunderts aufzeigte.