Dreieinhalb Stunden können eine lange Zeit sein. Gerade bei einer Opernpremiere. Im Haus für Mozart kann man dann zum Beispiel experimentieren. Ein Auge zu, erst links, dann rechts: Sind die "letzten Seufzer" auf der Übertitelanlage noch lesbar? Gut. Neue Brille unnötig.Der Inszenierung zu folgen erweist sich nicht als tragfähige Alternative. Marshall Pynkoskis Regie von "Lucio Silla", hier bereits bei der Salzburger Mozartwoche zu erleben, zitiert bewusst Praktiken aus der Uraufführungszeit herbei - und sorgt damit für dekorative Gediegenheit.

So sehr es sich verbietet, diesen Ansatz als unreflektiert konservativ zu tadeln: Ein alter Witz wird leider auch nicht besser, wenn man ihn als solchen ankündigt. Immerhin: Die Personenführung serviert dann auch ein paar geistreiche Ideen, das Ballett tanzt zierlich. Die schematische Starrheit einer frühen Mozartoper (Rezitativ, Da-Capo-Arie) hätte jedoch mehr szenischer Fürsprache bedurft.

Villazóns tönende Not

Orchestral ist mehr Fürsprache kaum möglich: Marc Minkowski entwickelt mit den Musiciens du Louvre Grenoble einen quirligen Drive, der auch Details akkurat aufblitzen lässt. Nach Prominenzkriterien gehört der Abend freilich Rolando Villazón.

Der bekräftigt jedoch einen Verdacht, den die jüngere Vergangenheit nährte: Seit seinen Stimmkrisen scheint er ein Kurzstreckentenor zu sein. Gegen Ende dann, leider, eine lange Arie: Strömender Schönklang zerrinnt zu tönenden Nöten. Heldin des Abends: Marianne Crebassa mit schlankem, doch substanzreichem Klang. Letztlich liefern aber fast alle ihre Koloratur-Beiträge verlässlich ab: ekstatischer Applaus.