Es besteht kaum Zweifel, dass der erneute Anstieg der Judenfeindlichkeit unter radikalen Muslimen eng mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt verbunden ist. Der israelische Historiker Shlomo Sand stellt in seinem neuen Buch fast schon ketzerisch anmutende Reflexionen zu seinem Verhältnis zum Judentum, zur jüdischen Identität und zum Staat Israel an, in dem er lebt. Betrug, Unaufrichtigkeit und Überheblichkeit prägen sämtliche Aspekte der Definition vom Jüdischsein im heutigen Staat Israel, so sein Fazit.

Nach dem Holocaust war es nachvollziehbar, dass der vorgesehene Staat 1947 als "jüdisch" bezeichnet wurde, während man den Nachbarstaat, den es bis dato nicht gibt, "arabisch" nannte. Anfang des 21. Jahrhunderts aber stelle der Gebrauch dieser Begriffe einen gefährlichen Anachronismus dar, so Sand. 25 Prozent der israelischen Bürger sind laut Gesetz keine Juden, ein Fünftel ist arabischer Herkunft. Was bedeutet es, in diesem Staat "Jude" zu sein, und was empfinden jene, die es nicht sind? Gibt es eine säkulare jüdische Kultur, die all jenen gemeinsam ist, die sich als Juden betrachten?

Sein Essay versteht Sand als leidenschaftliches Plädoyer für eine offene, demokratische israelische Gesellschaft, der er sich verbunden fühlt, die den Palästinensern als gleichberechtigten Mitbürgern die Hand reicht. Als bekennender säkularer Atheist steht Sand für eine andere Zukunft, die keine fatalistischen Weltanschauungen und "tribalistischen Abkapselungen" erlaubt.

Sachbuch
Shlomo Sand: Warum ich aufhöre, Jude zu sein - ein israelischer Standpunkt
. Propyläen, 156 Seiten, 18,50 Euro.