Boing Boom Tschak: Bekannt für ihre unterkühlt-elektronische Musik auf Basis deutscher Präzision und kompositorischer Formenstrenge: Kraftwerk gastieren im Rahmen der Festwochen in Wien. - © Peter Boettcher
Boing Boom Tschak: Bekannt für ihre unterkühlt-elektronische Musik auf Basis deutscher Präzision und kompositorischer Formenstrenge: Kraftwerk gastieren im Rahmen der Festwochen in Wien. - © Peter Boettcher

Auf der Bühne steht die pophistorisch bedeutsamste Band deutschen Ursprungs. Punkt. Kritische Zungen mögen an diesem Satz zwar den geschichtlichen Aspekt betonen. Immerhin haben Kraftwerk seit dem Jahr 2003 kein Album mehr veröffentlicht, um in Neubesetzung um Ralf Hütter als einziges Originalmitglied heute nur noch Werkpflege zu betreiben.

Das bedeutet neben restaurierten Fassungen ihres vormals autobahnbrechend visionären Materials vor allem auch eine Ankunft im Museum mit dort ausgetragenen Konzertreihen in 3D.

Zeitlos modern


Nach prestigeträchtigen Stationen wie etwa dem MoMa in New York werden im Rahmen der Wiener Festwochen nun vier Tage lang je auch zwei Alben im Burgtheater gesichtet, die das Wort "pophistorisch" zwangsläufig ins Spiel bringen müssen. Die von raffinierten Updates aus dem Düsseldorfer Kling-Klang-Studio geprägt pluckernden und tuckernden Fortschrittslieder aus Zeiten des auch von der Technisierung befeuerten Wirtschaftswunders allerdings klingen dabei noch immer gleichsam zeitlos und modern. Das ist auch eingedenk der hier wieder vorexerzierten Vorwegnahme von Techno bereits in den 1970er Jahren und der mitunter astralen 3D-Räume, die uns nach Outer-Space beamen oder im Gleitflug über Metropolis als Utopistan staunen lassen, mindestens genial.

Am Auftaktabend setzen Kraftwerk mit ihren Alben "Autobahn" und "Radio-Aktivität" exakt dort an, wo sie ab 1974 ihre Ursprünge im Krautrock zwischen echtem Schlagzeug (!), psychedelischen Wah-Wah-Gitarren (!!) und Querflöten (!!!) hinter sich ließen, um unterkühlt-elektronische Musiken auf Basis einer die deutsche Präzision übersetzenden kompositorischen Formenstrenge zu reichen.

Stoßrichtung Zukunft


Die später vielfach kopierte Ikonografie des gesichtslosen Stars, der keiner sein will - und hier in Form eines mensch-maschinellen Hybridwesens erscheint -, brachte die Arbeit parallel dazu zur Konzeptkunst. Und alles an dieser Konzeptkunst war und ist (in) Bewegung - die motorische Rhythmik erklärt das im Burgtheater ebenso wie der thematische Kosmos der Band. Auto, Bahn, Au-To-Bahn, der Trans Europa Express und die im Auditorium rotierenden Satelliten, Raumstationen und UFOs; immer wieder aber auch das von Hütter zum Fetisch erhobene Rad. Die Reise auf dem grauen Band, weiße Streifen, grüner Rand! Stoßrichtung Zukunft, Abfahrt vorgestern, restlos ausverkauft. Nur vor den Keyboards selbst herrscht stoischer Stillstand, sieht man vom rechten Knie des verbliebenen Masterminds einmal ab, das munter im Takt wippt und kippt.