Wenn im Nahen Osten wieder einmal etwas schiefläuft, dann ist für die öffentliche Meinung des deutschen Sprachraums meist blitzschnell geklärt, wer schuld an der jeweiligen Katastrophe ist: Israel, wer sonst.

"Wenn Israel den Raketenterror aus Gaza erduldet, ist das keine Schlagzeile wert. Wenn Israel dagegen vorgeht, wird es weltweit mediale Zielscheibe. Wenn Israelis bei Selbstmordattentaten sterben, ist das der Beweis für die verzweifelte Lage der Palästinenser. Wenn Israel die lebenden Bomben mit gezielten Tötungen ausschaltet, handelt es sich um Mord. Wenn Israel die Stellungen der Hamas angreift, ist es ein Kriegsverbrechen, wenn diese sich inmitten von Wohngebieten befinden und dort auch Zivilisten sterben. Kurz gesagt, seit seiner Staatsgründung lebt der Judenstaat mit der Erfahrung, dass es am Ende immer heißt: Israel ist an allem schuld."

Zu diesem Befund kommen die beiden Autoren Georg M. Hafner und Esther Schapira in ihrem Buch "Israel ist an allem schuld", einem mit feiner Ironie, penibler Faktentreue und in bestem Sprachstil geschriebenen Text über den neuen Antisemitismus in Deutschland (und nicht viel anders auch hierzulande), der sich gerne als Israelkritik tarnt, um gesellschaftlich akzeptierter zu sein als das früher ja gern gebräuchliche simple "Juda verrecke!".

Den Holocaust nicht verziehen


"Israel droht mit Selbstverteidigung", hat das Münchner Magazin "focus" 2007 unfreiwillig komisch getitelt und damit, wenn auch nicht ganz beabsichtigt, das Problem beschrieben: Was Israel auch macht, gibt der veröffentlichten Meinung Anlass, den Judenstaat zu kritisieren. Selbst wenn Israel morgen beschließen würde, sich aufzulösen und seine Bevölkerung nach Sansibar zu transferieren, würde das deutsche Feuilleton daraus vermutliche den Vorwurf konstruieren, sich seiner Verantwortung gegenüber den Palästinensern zu entziehen.

Warum aber ist das so? "Israel wird mit anderen Maßstäben beurteilt, als jedes andere Land... stets wird mehr und Besseres, eine höhere Moral erwartet, ganz so, als ob Auschwitz kein Vernichtungslager, sondern eine Schule der Menschlichkeit gewesen wäre - für die Opfer." Daraus, dass "die Juden während der Nazizeit am eigenen Leibe erleben mussten, was Unterdrückung ist", billigt ihnen die öffentliche Meinung vor allem in Deutschland nicht etwa zu, sich robust gegen eine allfällige nächste Shoah zu wehren, sondern verlangt ihnen ab, in wehrloser Pose zu verharren. Oder, wie es ein israelischer Psychiater formuliert hat: "Die Deutschen haben den Juden den Holocaust noch immer nicht verziehen."

Zentrale Ursache dieser bizarren Haltung ist für die Autoren die 68er-Generation, deren starke Parteinahme gegen Israel und zugunsten der Palästinenser sie als im Zusammenhang mit der Täter-Geschichte der Eltern dieser 68er-Generation sehen. Wenn sich Israel und die Israelis schuldig machen, so entlastet das in dieser Logik die eigenen Eltern: "Die Dämonisierung Israels hilft, den Dämon des Holocaust zu beseitigen."

Beispielhaft führen Hafner und Schapira in diesem Zusammenhang die deutschen Parade-Intellektuellen Günter Grass, Martin Walser, Jakob Augstein vor, allesamt mehr oder weniger unangenehm durch Einlassungen aufgefallen, die schierem Antisemitismus - immer unter dem Schutzschild angeblicher Israelkritik - verdammt nahe kamen: "Walser, Grass und Augstein haben den Antisemitismus salonfähig gemacht."

Deshalb, so mutmaßen die beiden Autoren, habe Israel von Deutschland, wenn es hart auf hart geht, entgegen den routinemäßig vorgetragenen Floskeln von "der besonderen Verantwortung" wenig zu erwarten: "Die Riege der deutschen Nahostexperten, die genau wissen, wie die Palästinenser ihren eigenen, natürlich demokratischen Staat erhalten, alle Menschen dort glücklich und zufrieden leben und damit nicht nur der Nahe Osten, sondern die ganze Welt befriedet werden kann, muss nicht befürchten, in Haftung genommen zu werden, wenn die politischen Wunschträume an der Realität scheitern sollten. Eines weiß Israel schon jetzt: Deutschland wird sich raushalten. Pazifistisch, kaltherzig und reinen Gewissens. Und wenn es Israel dieses Mal nicht mehr packen sollte, werden alle bei Klezmerklängen traurig sein. Das geschlagene Israel aber, der schwache Jude, wird an die Brust gedrückt und ins Herz geschlossen."