Autonomie ist der Grundstoff selbstbestimmten Lebens: ein Ziel persönlicher Entwicklung, aufs heftigste zu wünschen. Doch Autonomie, als Erbstück der Aufklärung, ist heute extrem gefährdet: durch die Aushöhlung der Privatsphäre ebenso wie durch die Wiederkehr religiöser Entmündigungskonzepte.

Der Philosoph Michael Pauen und der Sozialpsychologe Harald Welzer untersuchen in ihrer "Verteidigung der Autonomie" die massiven Beeinträchtigungen der individuellen Freiheit durch die Überwachungsmittel der Geheimdienste ebenso wie durch den Konformitätsdruck sozialer Medien. Hier wird Entlastung von persönlicher Verantwortung versprochen und in hohem Ausmaß Manipulation verkauft.

Zu Recht betrachten dies die Autoren als Gefahr für die Demokratie. Konformismus ist das Gegenteil von Autonomie. In der Mode mag das harmlos sein, doch im Gruppenzwang kann es zu Übergriffen und gemeingefährlichen Handlungen führen. Zugleich ist Autonomie zweischneidig: Sie kann die Gemeinschaft, über private Netzwerke und Initiativen, stärken, aber auch schwächen. Wille zum Widerstand stärkt die Autonomie. "Erziehung zur Ichstärke" hieß das bei Alexander Mitscherlich, der im vorliegenden Buch seltsamerweise nicht vorkommt.

Die Wurzeln liegen schon in der griechischen Tragödie


Genau besehen beginnt die Geschichte der Autonomie mit den Griechen: als Freiheitsgewinn der Athener beim Sieg über die Perser. Aischylos lässt es den Chor in seinem Drama "Die Perser" aussprechen: "Nicht mehr in Gewahrsam /Liegt die Zunge den Sterblichen./Denn losgebunden ist das Volk, /Um frei zu reden, /Da gelöst ist/Das Joch der Macht."

Antigone wiederum wird, bei Sophokles, vor ihrer Hinrichtung beschieden, es sei ein Frevel gewesen, selbständig zu handeln: "Du lebst nach eignem Gesetz (autonomos zosa), drum allein/Zum Land der Toten gehst du".

Michael Pauen beginnt geschichtlich dagegen mit Immanuel Kant und dekliniert die Nachfolger bis Ernst Bloch durch. Die Einbürgerung der individuellen Autonomie wird sehr spät, mit der Mitte des 19. Jahrhunderts, angesetzt. Beispielhaft wird die NS-Diktatur als Zeit extremer Bewährungsproben für autonomes Handeln dargestellt. Sie in die Nähe eines "modernen Totalitarismus ohne Terror" zu rücken, schießt indes übers Ziel hinaus.

Sachbuch

Autonomie. Eine Verteidigung

Michael Pauen, Harald Welzer

S. Fischer Verlag, 328 Seiten, 20,60 Euro