Lange braune Haare, braungrüne Augen, eine grazile Gestalt, filigraner Schmuck, dezent geschminkte Lippen: Zeruya Shalev, die Grand Dame der israelischen Literatur wirkt elegant, aber nicht unnahbar. In ihrem jüngsten Buch "Schmerz", das als ihr persönlichster Roman gilt, lotet sie auf ihre charakteristische Weise die Untiefen der Liebe aus, schreibt über fatale Anziehung und den inneren Kampf von Vernunft gegen Leidenschaft. Die "Wiener Zeitung" traf die aufmerksame Schriftstellerin und Analystin auf ihrer Lesereise.

"Wiener Zeitung": In Ihrem neuen Roman beschreiben Sie die unterschiedlichen Facetten von Schmerz.

Zeruya Shalev: Ich denke, Schmerz gehört zur Liebe. Wenn man jemanden liebt, ist man verletzlicher. Derjenige, der dir am Herzen liegt, ist auch am ehesten in der Lage, dich zu verletzen.

Wie die Liebe hat auch der Schmerz verschiedene "Gesichter" in Ihrem Buch. Er kann schützen, aber auch zerstören.

Ja, der Schmerz weist dir den Weg. Manchmal lässt der Schmerz dich wachsen. Er verändert dich. Und ich liebe es, über Veränderung zu schreiben, meine Protagonisten reifen zu lassen. Der Roman nimmt zum Beispiel Bezug auf die biblische Geschichte von Joseph, der am Ende seinen Brüdern die Schmerzen verzeiht, die sie ihm zugefügt haben. Tatsache ist, dass der Schmerz Teil eines Schutzsystems des Körpers ist. Das ist sehr metaphorisch.

Im Zentrum steht Iris, Überlebende eines Attentats. Auch Sie wurden als Opfer eines Selbstmordanschlags schwer verletzt.

Es hat lange gedauert, bis ich darüber schreiben konnte. Eigentlich hatte ich mir fest versprochen, es nie zu tun. Ich wollte dieses Trauma unbedingt aus meinen Werken fernhalten. Doch dann kam es ganz spontan und intuitiv. Ich konnte nicht widerstehen. Da inzwischen jedoch über zehn Jahre vergangen sind, wurde es nun ihre Geschichte, nicht mehr meine. Iris geht auch mit dieser Erfahrung anders um als ich. Der Schmerz, den Iris empfindet, ist eine Wiederholung, er kommt in traumatischen Wellen, die zum Teil persönlicher Natur und zum Teil eng mit dem Leben in Israel verbunden sind.

Ein unverkennbares Merkmal Ihrer Romane sind Ihre rauschhaft, hypnotisch dahinströmenden Sätze. Woher kommt diese Art zu schreiben?