Wir wissen um die Macht von Bildern. Auf einer virtuellen Weltkarte unserer Projektionen und Ängste bestimmten einst Hungersnöte die Vorstellung vom "Schwarzen Kontinent", heute Ebola und Boko Haram, bestenfalls noch tanzende Einheimische und ein bisschen Massai-Mara-Romantik à la "Jenseits von Afrika".

Der Kontinent "wird im Westen meist als Versager in der Entwicklungspolitik und als ein permanentes humanitäres Operationsgebiet abgehandelt", bedauert Georg Lennkh, Präsident von "CARE Österreich". Spendenorganisationen setzen begreiflicherweise oft auf Emotionen. Doch die Dramatisierungsfalle des K-Faktors - Krisen, Katastrophen, Kriege, Kindersoldaten, Kriminalität, Krankheiten, Korruption - lässt wenig Differenzierung zu. Für 33 Länder ist ein deutscher Afrikakorrespondent im Schnitt zuständig. Ein Drittel der Länder, über die er berichtet, wird er nie bereisen. Afrika, flächenmäßig größer als Europa, China, Indien, Japan und die USA zusammen, ist vielfältig - unsere Bilder sind oft einseitig.

Mit der brutalen Kolonialgeschichte und dem eklatanten Wohlstandsgefälle war Entwicklungszusammenarbeit für Europa ein moralischer Imperativ. Engagierte und kompetente Experten von Hilfsorganisationen leisteten über Jahrzehnte hervorragende Arbeit. Doch rasante Fortschritte wurden in Asien erzielt, kaum in Afrika, dem Hauptempfänger von Entwicklungsgeldern. Die Stimmen europäischer Skeptiker, aber vor allem afrikanischer Kritiker ähnelten einander in zentralen Punkten: Nach zwei Billionen Dollar an Entwicklungsgeldern stand Afrika schlechter da als zu Beginn der "Almosenindustrie".

Chinas starke Präsenz

Der Flughafen von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba in den Abendstunden: Der Transitbereich scheint aus den Stahlnähten zu platzen. Nicht Afrikaner sind in der Mehrzahl, auch nicht Europäer, sondern Asiaten. Im Viertelstunden-Takt heben Maschinen nach Beijing, Shanghai, Mumbai oder Guangzhou ab. 2500 chinesische Firmen sind in Afrika aktiv, 150 Milliarden Dollar hat Peking investiert, über eine Million Chinesen bauen Straßen, Eisenbahnen, machen Geschäfte. Europas Anteil an Afrikas Außenhandel - Anfang der 90er Jahre noch bei 60 Prozent - hat sich halbiert. Längst hat uns China überholt: Das Volumen seines Güteraustauschs mit Afrika ist binnen 15 Jahren von zehn Milliarden US-Dollar auf 200 Milliarden explodiert.

Pekings kometenhafter Aufstieg ist ein entwicklungspolitisches Reizthema: Ganze Länder reiße sich China unter den Nagel, wird kritisiert, und agiere als egoistischer Ressourcensicherer, inklusive "Land Grabbing": Ackerland werde einheimischen Bauern entzogen und treibe diese in die Slums der Städte.

Übertriebene Vorwürfe

Das Internet kann zwar Bildung nicht ersetzen, spielt aber auch in Afrika (hier in Kenia) eine immer größere Rolle. - © David Mbiyu/Demotix
Das Internet kann zwar Bildung nicht ersetzen, spielt aber auch in Afrika (hier in Kenia) eine immer größere Rolle. - © David Mbiyu/Demotix


Diese Vorwürfe seien "spektakulär übertrieben oder überhaupt falsch", sagt Deborah Brautigam. In "Will Africa Feed China?" bezeichnet die Autorin entsprechende Meldungen als hartnäckige Internet-Mythen. Gerade einmal 2500 km² habe China erworben. Dabei könne Afrika asiatische Erfahrungen gut gebrauchen: Thailand allein exportiert mehr Agrarprodukte als ganz Subsahara-Afrika zusammen. Als habe die grüne Revolution nie stattgefunden, betreibe Afrika Subsistenzlandwirtschaft. Und diese ist etwa Dürren wie der derzeitigen oft hilflos ausgeliefert.



Noch vor 20 Jahren war der Westen wichtigster Projektansprechpartner Afrikas. Heute thematisiere das Feuilleton europäischer Medien wie ein Mantra das Ende des Kapitalismus, statt seine Erfolge und Möglichkeiten zu diskutieren, während immer mehr Länder auf Marktwirtschaft setzen, beobachtet Hans Stoisser, Entwicklungsexperte mit jahrzehntelanger Afrika-Erfahrung.

Die Entwicklungszusammenarbeit sei die letzte Bastion der Planwirtschaft. Private Investoren schauen genauer, was mit ihrem Geld geschieht als Staaten, die gegenüber ihren Steuerzahlern selten nachweisen können, dass die moralisch gerechtfertigte Hilfe auch tatsächlich nachhaltig ist.

Obwohl wir Chinas Waren als Billigprodukte verachten: Flip-Flops schützen Kinder- wie Erwachsenenfüße, Plastikkübel erleichtern Frauen den Wassertransport. Und: Europas Exporte waren längst nicht immer von Topqualität. Wer heute von Afrikas Entwicklung spricht, spricht von China. Mehrere spannende Bücher greifen das auf.

Eindringliche Bilder von afrikanischem Elend dokumentieren vermeintlich negative Konsequenzen der Globalisierung. Filme zeigen, dass wir saturierte Wohlstandsbürger hungernden Menschen am Victoriasee die letzten Barsche wegessen. Für Hans Stoisser sind Schwarzmaler wie der Schweizer Soziologe Jean Ziegler die perfekte Besetzung quotenbringender Talkrunden. Er appelliere an unser schlechtes Konsumenten-Gewissen: Afrikaner sind Ausbeutungsopfer multinationaler Konzerne und ihrer lokalen Helfershelfer. Zieglers Botschaften fördern unser Gefühl, dass alles immer schlechter würde - und nicht die Tatsache, dass globale Arbeitsteilung hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt hat.

Rohstofffalle

Bei der Suche nach Schuldigen geraten Ursache und Wirkung durcheinander. Afrikanische Slums explodierten, weil die Bevölkerung dank besserer Gesundheit exponentiell gewachsen ist und die traditionelle Wirtschaft eine wachsende Bevölkerung nicht aufnehmen kann. "Wir glauben, mit Slogans wie ‚Lokal statt Global‘ die komplexen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen zu können", warnt Stoisser in seinem Buch "Der schwarze Tiger".