Kein Mensch würde hier freiwillig baden. Wo es flach ins Meer geht, treiben die Soldaten einer nahen Kavalleriekaserne ihre Tiere zur Abkühlung ins Wasser. Der Rest der Küste besteht aus Steinen und spitzen Felsen, bis auf eine kleine sandige Bucht am Rand einer ausgedörrten Halbinsel. Genau dort macht sich ein US-amerikanisches Ehepaar daran, eine meterdicke Schicht von verdorrtem Seegras auf die Seite zu räumen, ohne vom Kopfschütteln der Einheimischen Notiz zu nehmen. Sommer, Sonne und Sand genießen - die unerhörte Idee löst auf halbem Weg zwischen Nizza und Cannes Befremden aus.

Wir schreiben das Jahr 1922. Kein Europäer von Welt würde freiwillig den Sommer an der Côte d’Azur verbringen, die noch niemand so nennt. Nicht an den angenehm kühlen Ärmelkanal zu fahren, nach Deauville oder Trouville-sur-mer, wäre gesellschaftlicher Selbstmord. Den Murphys, die in aller Ruhe ihren Sandstrand säubern, ist das egal.

Bunter Freundeskreis

Bald nach dem ersten einsamen Sommer an der französischen Riviera kauft das künstlerisch veranlagte Paar ein weitläufiges Grundstück samt alter Villa auf der Halbinsel Cap d’Antibes, gleich oberhalb des Strandes, der "La Garoupe" heißt. Sie bauen Gemüse an und halten Milchkühe, um ihre Kinder gesund ernähren zu können. Und sie laden ihren schillernden Freundeskreis zu rauschenden Festen ein: Pablo Picasso, Fernand Léger, Igor Strawinsky, Cole Porter, John Dos Passos, Zelda und F. Scott Fitzgerald.

Letzterer beschließt, den Sommer 1926 in der Nähe der Murphys zu verbringen. Im unbedeutenden Kaff Juan-les-Pins ist er ausreichend weit weg von Paris und New York, vom Glamour und den Skandalen, für die er und seine Frau Zelda bekannt sind. Hier kann er sich auf den Roman konzentrieren, der ihn endgültig zum bedeutendsten Gegenwartsautor Amerikas machen soll.

Emily Walton lächelt versonnen, als sie neunzig Jahre später auf dem Weg von La Garoupe hinaus zu den Felsen des Cap d‘Antibes von Fitzgeralds kühnen Plänen erzählt. Kaum jemand weiß besser als sie, was 1926 wirklich geschah. "Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte" heißt das Buch, in dem sie von der letzten halbwegs ruhigen Sommersaison an der Côte d’Azur erzählt, die im Jahr darauf von Coco Chanel "entdeckt" werden sollte.