Kompositionen, die sich zunächst dezent anlassen, werden von Andrew Bird zu massiven Spannungsbögen verdichtet. - © K. Klenowski
Kompositionen, die sich zunächst dezent anlassen, werden von Andrew Bird zu massiven Spannungsbögen verdichtet. - © K. Klenowski

Es sind oft die kleinen Momente, die besonders verzücken. Wenn Andrew Bird seine sonore, in ihrer Sanftheit nachgerade unglaublich charismatische Stimme anhebt, um "I once was found and now I’m lost" zu singen, ist das so ein Moment. Einfach die Umkehrung einer sattsam bekannten, oft religiös konnotierten Errettungsphrase ist da so beiläufig hingeworfen, dass es einen kurz reißt und ein verblüfftes "Was war das eben?" hinterlässt. Der Titel des Songs heißt übrigens "Saints Preservus" - eine Paraphrase auf die sarkastisch untertönte Beschwörung "Saints preserve us" (sinngemäß: Himmel, steh uns bei!). An anderer Stelle erklärt Bird: "Ever since I’ve given up hope I’m feeling so much better." Galgenhumor ist immer ein guter Wegbegleiter durch das Drama der menschlichen Existenz.

Direkterer Ausdruck

Dieses bekam Andrew Bird in den letzten Jahren in allen Facetten zu spüren, als er heiratete, einen Sohn bekam und seine Frau, eine Modedesignerin, an Krebs erkrankte. Das habe sich, so Bird zum amerikanischen Radiosender NPR, in seinem Text-Schreiben niedergeschlagen, ihn weggeführt von schlauen Wortspielen zu einem direkteren Ausdruck. Die schlauen Wortspiele gibt es auf Birds neuem Album, "Are You Serious" (kein Fragezeichen!), natürlich trotzdem nicht zu knapp.

"You do the walk of shame from the comfort of your home", heißt es da etwa, oder "All your left handed kisses were just prelude to another prelude to your backhanded love song, baby", wie Bird in einem entzückenden Duett einer desillusioniert-sarkastischen Fiona Apple in den Mund legt.

Es hat aber durchaus auch seine Richtigkeit mit der Direktheit: In "Puma" reflektiert Bird die schwere Krankheit seiner Frau und ihre Therapie, die wegen Verstrahlungsgefahr lange Zeiten der Trennung erzwang. In "Valleys Of The Youth" wiederum erzählt er, wie die Gründung einer Familie ihn von seinen überwiegend singulären New Yorker Freunden und Bekannten separiert und entfremdet habe (heute lebt Bird mit Frau und Kind in L.A.).

Da sich das gut 20 LPs sowie etliche Singles und EPs umfassende Œuvre des 1973 in Illinois geborenen Songwriters grob vereinfacht in Popplatten und einen mehr oder weniger experimentellen Werkkatalog teilt, liegt der Anknüpfungspunkt von "Are You Serious" bei "Break It Yourself" von 2012, obwohl rein statistisch drei Veröffentlichungen zwischen den beiden Alben liegen. "Break It Yourself" war notabene, auch wenn solche Bilanzen heute weniger Aussagekraft haben als früher, mit einem Platz zehn als Spitzenplatzierung in den USA ein bemerkenswerter Chartserfolg. "Are You Serious" notierte bereits vor der Veröffentlichung bei Billboard auf Position 50.

Stilistisch unterscheiden sich die Platten nicht wesentlich: Beiden eignen die mehr oder weniger komplexen Strukturen und der melodiöse Schmelz der raumgreifenden Stücke, das graziöse Pizzicato-Spiel des klassisch ausgebildeten Violinisten Bird und natürlich sein charakteristisches Pfeifen, das die Musik interpunktiert und ihr eine bisweilen cinematografische Anmutung gibt.

"Wall Of Sound"

Was sich aber auf "Are You Serious" verstärkt hat, ist der Einfluss des Rock. Das nicht einfach in dem Sinn, dass Bird hier halt mehr "Gas gibt". Vielmehr ist es so, dass er sehr gezielt dynamische Akzente und Intensitätsgefälle auslotet. Unter maßgeblicher Mithilfe des exzellenten Gitarristen Blake Mills und einer kompakten Rhythmus-Basis verdichtet Bird Kompositionen, die sich zunächst durchaus dezent anlassen, zu massiven Spannungsbögen, auf denen mühelos zusammengeht, was nicht zusammenzugehören scheint.

Im Titelsong etwa finden, als wäre es das Natürlichste der Welt, ein Pizzicato Birds und die grobkantige Gitarre Mills zu einer harmonischen Einheit. In "The New Saint Jude" kontrastiert Mills’ nervöses Spiel eine wunderschöne Melodie, während sich in besagtem "Valleys Of The Young" eine ansehnliche Wall Of Sound auftürmt. Etwas aus dem Rahmen fällt, weil in ein fast provokantes countryeskes Arrangement gekleidet, "Left Handed Kisses", das Duett mit Fiona Apple. Der gelassene Ausklang mit "Bellevue" wirkt dagegen wie das entspannte Ende einer turbulenten Reise. Was irgendwie ja auch das trifft, was diese Platte inspiriert hat.