Besticht auf seinem neuen Album durch eine eigentümliche Bildhaftigkeit der Sprache: Robert Rotifer. - © Rosie Lovering
Besticht auf seinem neuen Album durch eine eigentümliche Bildhaftigkeit der Sprache: Robert Rotifer. - © Rosie Lovering

Seine Alben tragen allesamt den eigenen, wenngleich aus biografischen Gründen veränderten Familiennamen. Und doch legt Robert Rotifer Wert auf die Unterscheidung, dass "Not Your Door" eben nicht von einer Band-Konstellation, sondern weitestgehend im Alleingang eingespielt worden ist, und somit ein Soloalbum ist. Nur einen Tag verbrachte Rotifer mit Ian Button am Schlagzeug und Mike Stone an Bass und Klavier im Studio.

Kleine Leihgaben kommen noch von der Sängerin Citizen Helene, dem Hornisten Robert Halcrow (Picturebox) und - Kinder, wie die Zeit vergeht! - Rotifers Sohn Oskar an der Klarinette. Den maßgeblichen Rest hat der Sänger, Autor, Gitarrist und Journalist allein in seinem Heimstudio in Canterbury gefertigt. Und das habe er, lässt Rotifer in einer lesenswerten Presseaussendung verlauten, vornehmlich deshalb getan, "weil es hier um Dinge geht, die man lieber mit sich selber ausmacht, bevor man sie in die Welt hinausschickt".

Ein persönliches Album also. Eine Bilanz. Rotifer erinnert sich und reflektiert. Erinnert sich an seine formativen Jahre und an jene kurze Phase in den 90er Jahren, als sich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs die Welt zu öffnen schien. Reflektiert über Elternschaft, sein Gewerbe und wie sich nach 9/11 der Albtraum einer "neo-rassistischen, verrohten, Update-neurotischen Welt" ausbreiten konnte.

Die zweite Hälfte der zehn Tracks umfassenden Platte gehört zur Gänze Rotifers Jugend und Adoleszenz in Wien: Sie erzählt, wie er vor der mittlerweile abgerissenen Bösendorfer-Fabrik mit seinem Fahrrad zum Gaudium der Arbeiter einen kapitalen Sturz baute, von Fahrten im klapprigen VW-Käfer, von Fluchten vor Skinheads - und am Ende auch von seiner Großmutter, der vor einem Jahr verstorbenen Widerstandskämpferin Irma Schwager. Rotifers Wien ist, wie er betont, "eine Stadt, die es so nicht mehr gibt und wahrscheinlich nie gab. Insofern ist es auch sinnvoll, über dieses semi-fiktive Wien auf Englisch, also in der Sprache zu singen, in der ich es mir zurecht lege."

Das ist zum einen folgerichtig und zum anderen weniger selbstverständlich, als es den Anschein hat. Denn Rotifer ist in mehrerlei Hinsicht viel universaler, als es der ihm nacheilende Ruf als Parade-Anglophiler indiziert. So hat er als Kurator des Popfestes Wien und nicht zuletzt als Radio-Moderator viel zur Förderung der österreichischen Popmusik geleistet und ist einer der verständigsten Experten für das Werk Ernst Moldens.

Zum anderen beschränkt sich auch sprachlich sein Horizont nicht auf das Englische: Rotifers eigenes Label heißt Gare du Nord; mit Peter Astor hat er Songs auf Deutsch gemacht, auf Moldens Album "Es Lem" ist er sogar im Wiener Dialekt zu hören.

"Not Your Door" besticht nun, abgesehen von seinem Reichtum an Szenarien, Schauplätzen und Erzählsträngen, durch eine eigentümliche Bildhaftigkeit der Sprache. Ohne nähere Erklärung, dass es sich um den Donaukanal handelt, ist da etwa von einem "Schwall von Erbsensuppe, der aus der Stadt hinausfließt" die Rede.

"Mittlerweile ist es, glaube ich, mein Vorteil, dass ich Englisch alltäglich spreche, aber einen anderen Zugang zu den Metaphern habe als die damit aufgewachsenen Briten. Ich glaube, ich kann besser abstrahieren als jemand, der zu nah an der Sprache dran ist. Mir passiert das immer wieder, dass ich Sachen schreibe, die für mich eigentlich klar sind und wo Engländer sagen, ,das finde ich eine tolle Beobachtung‘", erklärte der Wahl-Engländer vor zwei Jahren im "Wiener Zeitung"-Interview seinen Umgang mit der Sprache seiner nunmehrigen Heimat.

Musikalisch ist "Not Your Door" wesentlich weniger beschaulich ausgefallen, als es die Vergangenheitsbezogenheit der Inhalte vermuten ließe. Im Gegenteil: Die melodisch vielfältigen, gewohnt gitarrendominierten Songs sind durchaus dynamisch arrangiert und Rotifers relativ tiefe, etwas spröde Stimme verhindert, dass Melancholie in Weinerlichkeit abschmiert. Und dass einer der schönsten Songs, "The Piano Factory", ein wenig an Badly Drawn Boys "You Were Right" erinnert, zeigt, in welcher Güteklasse dieses Album zu verorten ist.