Die Rationalität garantierte jahrhundertelang die Vorherrschaft Europas. Ob sie auch die Zunkunft des Kontinents sichert, steht in den Sternen. - © fotolia/ WZ
Die Rationalität garantierte jahrhundertelang die Vorherrschaft Europas. Ob sie auch die Zunkunft des Kontinents sichert, steht in den Sternen. - © fotolia/ WZ

Zu den Fehlern, die das neue Europa der EU von seinen Anfängen an torpediert haben, gehört ein Rationalitätsdefizit ihrer Gründerväter bei eben jener Gründung des neuen Europa. Wenn es das erklärte Ziel der Europäischen Union war und ist, "den mit der Gründung der Europäischen Union eingeleiteten Prozess der europäischen Integration auf eine neue Stufe zu heben", wie es der "Vertrag über die europäische Union" formuliert, so hätte man von Anfang an sehr viel mehr auf die Unterschiede jener Länder Europas achten müssen, die da mit dem Ziel einer gemeinsamen Integration zusammengeschlossen wurden.

Brisante Differenzen

Es waren Länder von sehr unterschiedlichen Standards der Rationalitätsentwicklung. Der Riss ging mitten durch Europa zwischen den Süd- und den Nordstaaten. Ein Land wie Griechenland erfüllte bekanntlich gar nicht die Kriterien der Aufnahme in die Euro-Zone, war weder von seiner ökonomischen Produktivität noch seiner internen politischen Organisation auf den Beitritt eingerichtet, hat ihn ja auch durch Zahlenmanipulation eher erschlichen als erworben.

Das Land bekam dann viel gutes Geld und günstige Kredite, die zu eben jener Überschuldungskrise führten, mit der das Land wie die Union seitdem zu kämpfen haben. Man hatte schlicht bei der Integrationszielsetzung die Differenzen der Rationalitätsstandards jener Länder missachtet, die da zusammengeschweißt werden sollten. Diese Differenzen entwickelten dann eine Sprengkraft innerhalb der durch die EU vereinigten Länder und tun dies heute eher mehr als weniger.

Die neue europäische Problematik fordert einen langen Blick zurück in die Geschichte Europas. Es war ja gerade das antike Griechenland, das vor mehr als 2500 Jahren einen neuen Begriff von Rationalität entwickelt hat, der seitdem die Geschichte Europas leitete und der auch letztlich zur Globalisierung mit ihren Problemen geführt hat. Das antike Griechenland hat das rationale Denken in der Form von Wissenschaft erfunden und durch deren pragmatische Anwendung auf den verschiedenen Kultursektoren - ich nenne die rationale Erkenntnis des Kosmos, die rationale Strukturierung von Raum und Zeit, die quantitative Geldwirtschaft und vor allem auch die rationale Kriegstechnik - Standards gesetzt, die nicht weiser als alle anderen Kulturen, ihnen aber machtpolitisch überlegen waren.

Dass Deutschland und auch Europa eine Mitschuld am Brexit und am Erstarken nationaler Bewegungen haben könnten, traut sich kaum ein Kommentator auszusprechen. - © Apa/ AFP/ Philippe Huguen
Dass Deutschland und auch Europa eine Mitschuld am Brexit und am Erstarken nationaler Bewegungen haben könnten, traut sich kaum ein Kommentator auszusprechen. - © Apa/ AFP/ Philippe Huguen

Insbesondere die pythagoreische Mathematisierung von Erkenntnisstrukturen führte zu jenem rationalen Umgang mit dem Raum und mit der Zeit, der langfristig den Raum geometrisiert und die Zeit messtechnisch zerlegt hat. Bereits die Griechen, dann die Römer schufen Städte nach rein geometrischem Muster und organisierten so auch ihre Kriegsmaschinerie, indem sie die Infanterie in geometrischen Blöcken auflaufen ließ - die Phalanx -, die wie eine Walze wirkte, mit der feindliche Truppen überrannt und besiegt werden konnten. Die Griechen schlugen mit dieser Strategie 490 v. Chr. die Perser bei Marathon in die Flucht und verteidigten so ihre Demokratie und Freiheit. Die Makedonier, dann Römer übernahmen und modifizierten die Strategie der Phalanx und eroberten so die ersten Weltreiche der Weltgeschichte. Seitdem, so kann man verkürzt sagen, vollzieht sich Weltgeschichte nach der Maßgabe und mit dem Ziel von Welteroberung.

Rationalitätssieger

Damit begann aber auch ein Prozess der Kolonisierung der Welt, der diese unterteilt in Rationalitätssieger und -verlierer. Letztere wurden unterworfen, mussten Tribute zahlen, wurden bei langfristigem Widerstand auch ausgerottet. Der Reichtum der Provinzen floss in die Hauptstädte der Rationalitätssieger.

Rom wurde so im ersten Jahrhundert v. Chr. schon durch die Zuflüsse aus den Provinzen unheimlich reich. Die Bürger mussten keine Steuern mehr zahlen. Die römischen Bürger als Rationalitätssieger konnten sich ein Leben in Luxus und Verschwendung leisten, das dann vor allem auch das Rom der Kaiserzeit auszeichnete. Fast eintausend Jahre lang - von ca. 500 v. Chr. bis 500 n. Chr. - beherrschte die rationale Kriegsstrategie einschließlich ihrer Kriegsmaschinen die Weltgeschichte und teilte sie in Sieger und Besiegte, Herren und Sklaven, Arm und Reich.

Der am Ende der Antike auftauchende Islam hat genau diese Strategie übernommen. Mohammed war ein Prophet und Kriegsherr. Seine Religion vereinte die zerstrittenen arabischen Stämme und führte bereits im 7. und 8. Jahrhundert zur Expansion des islamischen Herrschaftsterritoriums vom Hindukusch über ganz Nordafrika, Spanien bis nach Mittelfrankreich. Dem Ziel diente auch der Koran mit Suren, die direkt zum Krieg gegen die "Ungläubigen" aufrufen und himmlischen "Lohn" denjenigen versprechen, die im Kampfe gegen sie fallen. Der Koran droht die "Hölle" den Feinden des Islam an und dies als direkten Gottesauftrag: "Prophet! Führe Krieg gegen die Ungläubigen [. . .] und sei hart gegen sie! Die Hölle wird sie (dereinst) aufnehmen" (Sure 9,73). Sure 2,191 - wie viele andere - befielt: "Und tötet sie (d.h. die heidnischen Gegner), wo (immer) ihr sie zu fassen bekommt".