Jerusalem gilt vielen Gläubigen als Nabel der Welt. - © reuters/Ronen Zvulun
Jerusalem gilt vielen Gläubigen als Nabel der Welt. - © reuters/Ronen Zvulun

"Das Zeitalter des Westens ist an einem Scheideweg angelangt, wenn nicht gar an seinem Ende." Zu diesem Schluss kommt der britische Historiker Peter Frankopan in seinem aufsehenerregenden Buch "Licht aus dem Osten". Es ist eine politisch-kulturelle, ideengeschichtliche sozioökonomische Tour d’horizon über Jahrtausende menschlicher Zivilisationen hinweg, indem der Autor seinen forschenden Blick auf den Orient richtet, wo früher der eigentliche "Nabel der Welt" zu finden war und heute langsam wieder zum Vorschein komme, so Frankopan. Ziel seines Werkes sei es, den Leser dazu zu inspirieren, die "Geschichte der Welt" auf eine andere Weise zu betrachten.

Dabei rückt er zwei Welten zusammen: Orient und Okzident, die geschichtlich enger miteinander verbunden seien, als wir Europäer uns das gemeinhin vorstellen. Ausgangspunkt seines Forschungsdrangs war, die Ursprünge des Christentums vom asiatischen Kontinent aus zu begreifen. Schon als Bub wollte Frankopan wissen, wie all die Menschen, die in den großen Städten des Mittelalters lebten, etwa in Konstantinopel, Jerusalem und Kairo, die Kreuzzüge wahrnahmen. Er wollte etwas über die großen Imperien des Ostens erfahren, über die Mongolen und ihre Eroberungen, und verstehen, welche Eindrücke die Weltkriege hinterließen, wenn man sie nicht von Flandern oder von der Ostfront aus betrachtete, sondern von Afghanistan und Indien aus.

Indem man sich nicht nur mit politischer Geschichte, sondern mit der Kultur und Sprache der jeweiligen Zivilisationen des Orients wie der Schönheit des klassischen Arabisch in der islamischen Kultur vertraut macht, kann man erst die "Welten des Ostens" in ihrer Vielfältigkeit wirklich tiefgreifend verstehen lernen. Bislang galt für uns im Okzident das "Mantra des politisch-kulturellen und moralischen Siegeszugs des Westens". Hartnäckig halte sich laut Frankopan die seiner Meinung nach verdrehte und manipulierte Geschichtsversion, der zufolge der Aufstieg Europas nicht nur naturgemäß und unvermeidlich war, sondern auch das fortsetzte, was inzwischen verloren gegangen war.

Verdrehte westliche Vision

In dieser westlichen Vision habe das antike Griechenland das alte Rom hervorgebracht; Rom wiederum das christliche Europa; das christliche Europa die Renaissance; die Renaissance die Aufklärung; und die Aufklärung politische Demokratie sowie industrielle Revolution; die Industrie wiederum soll in Kombination mit der politischen Demokratie die USA "gezeugt" haben. Der Nahe und Mittlere Osten mit all seinen heutigen Wirrnissen und gewalttätigen Verwerfungen mag im Westen heute "barbarisch" erscheinen, aber über Jahrtausende gab dieser Großraum den Takt der Weltgeschichte vor.

Hier entstanden die ersten Hochkulturen und alle drei monotheistischen Weltreligionen. Es ist ein "Reichtum an Gütern, Kultur und Wissen", der den Okzident seit jeher sehnsüchtig nach Osten blicken lasse, so der Autor. Vor Beginn der frühen Neuzeit lagen die Geisteszentren der Welt jahrhundertelang weder in Europa noch im weiteren Westen, sondern in Bagdad, Buchara und Samarkand. Die alte Seidenstraße war wie eine Matrix des Austausches von Gütern und Ideen zwischen Ost und West, die heute angesichts des Aufstiegs Chinas zur Großmacht wieder zu neuem Leben erwacht - auch wenn es um die immensen Rohstoffe geht, die in diesem lange vergessenen Raum des Ostens schlummern. Lesenswert.