Der australische Autor Richard Flanagan ist im deutschsprachigen Raum dem breiten Publikum erst 2014 durch seinen mit dem Booker-Preis prämierten Roman "Der schmale Pfad durchs Hinterland" bekannt geworden, einem bedrückenden Werk über Grausamkeiten in einem japanischen Kriegsgefangenenlager im Grenzgebiet zwischen Thailand und Birma.

Nicht minder dramatisch und bedrückend geht es im Roman "Die unbekannte Terroristin" zu, der im Original bereits 2006 erschienen ist, dessen Handlung aber aktueller denn je wirkt. Flanagan erzählt darin die Geschichte der aus ganz einfachen Verhältnissen stammenden Stripperin Gina Davies, die vom sozialen Aufstieg träumt, Designerkleidung bevorzugt und sich eine kleine Eigentumswohnung in Sydneys bevorzugtem Wohnviertel wünscht.

Doch irgendwann ist Gina, die überall nur "Puppe" genannt wird, zur falschen Zeit am falschen Ort, und im Handumdrehen wird aus der Stripperin Australiens meistgesuchte Frau. Nach einem One-Night-Stand mit dem später erschossenen Terroristen Tarig wird eine mediale Hetzjagd inszeniert. Eine Freundin rät Gina, zur Polizei zu gehen und den Irrtum aufzuklären. Doch die junge Frau gerät in Panik und will nur untertauchen.

Ginas fanatischster Jäger wird der alternde TV-Journalist Cody, der unter starkem Druck steht, eine tolle Story liefern zu müssen. Er erhält einige halbwahre Tipps und kennt Gina selbst flüchtig von Clubbesuchen. Sein beruflicher Druck vermischt sich mit persönlicher Rache, weil Gina ihn mehrmals abblitzen ließ.

"Tänzerin des Todes" lautet eine Schlagzeile, die nächste: "Stripperin bombt für die Mullahs". Ein dubioser, psychisch äußerst labiler Geheimagent meint gar, für die Gesellschaft wie für Gina wäre es das Beste, sie würde erschossen. Zunehmend fühlt man sich an Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1974) erinnert, in der die verhängnisvolle Macht der Medien gegeißelt wurde.

Vorverurteilungen, Denunziationen und kanalisierter Hass machen Gina Davies zum Freiwild. Eine unschuldige, wehrlose junge Frau wird wissentlich zur Terroristin abgestempelt. Die Medien haben ihre Story, die Politik und die Sicherheitsorgane können in fataler Eintracht kurzzeitig ihre eigenen Unzulänglichkeiten in der Terrorismusbekämpfung kaschieren.

Nächstenliebe, Toleranz und Empathie existieren in dieser Sydneyer Welt nicht. Richard Flanagan nahm mit seinem unter die Haut gehenden Roman die momentanen üblen Auswüchse des postfaktischen Zeitalters literarisch vorweg.