Die medizinische Versorgung ist in Ruanda heute für jeden erschwinglich. - © Veser
Die medizinische Versorgung ist in Ruanda heute für jeden erschwinglich. - © Veser

Hügel, Hügel und nochmals Hügel - so weit das Auge reicht. Auf jeder Erhebung des zentralruandischen Berglandes thront ein Gehöft, umgeben von oftmals winzigen Ackerflächen für den Gemüseanbau. Kulturland ist knapp in diesem ostafrikanischen Kleinstaat, der mit seinen über 11 Millionen Einwohnern etwa ein Drittel der Fläche Österreichs umfasst.

Mit fast 500 Bewohnern pro Quadratkilometer ist das "Land der tausend Hügel" heute das am dichtesten besiedelte Land Afrikas. Nach dem Genozid, bei dem im Frühjahr 1994 etwa 800.000 Tutsi und moderate Hutu ermordet wurden, setzte unter Präsident Paul Kagame der Wiederaufbau ein. Nicht zuletzt Schuldgefühle veranlassten den Westen, der dem Massaker tatenlos zugesehen hatte, dem Binnenstaat finanziell kräftig unter die Arme zu greifen. Ein Großteil kam der Verkehrsinfrastruktur zugute, Ruandas Straßennetz ist deutlich besser ausgebaut als das der Nachbarländer.

Autoritärer Reformgeist

Auch wenn noch heute 60 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, hat sich die Wirtschaftslage spürbar verbessert. Dass der Aufstieg nicht zuletzt auf die Plünderung ostkongolesischer Bodenschätze durch die ruandische Armee zurückgeht, wird dabei gerne verdrängt. Auf öffentliche Kritik an seinem Regierungsstil reagiert Ruandas autoritärer Präsident Paul Kagame mit aller Härte. Hinsichtlich Pressefreiheit hat die Organisation "Reporter ohne Grenzen" das Land auf einen der letzten Plätze verbannt.

Kagame blickt lieber in die Zukunft und verspricht der Nation einen Platz an der Sonne. "Vision 2020" heißt das ehrgeizige Entwicklungsprogramm, das dem Niedriglohnland Ruanda bis 2020 einen Platz in der Gruppe der Länder mit mittlerem Einkommen sichern soll.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Regierung einer vorkolonialen Tradition neues Leben eingehaucht. "Imihigo"- in der Landessprache Kinyarwanda sind das öffentliche Eide, mit denen man schwört, vereinbarte Leistungen ohne Wenn und Aber zu erbringen. Diese Eide entsprechen Leistungsvereinbarungen, die der Präsident mit den Gebietskörperschaften trifft. Umfang der Leistung und die bereitstehenden Mittel werden vertraglich geregelt, Informationen darüber sind jederzeit öffentlich zugänglich. Dadurch werden im Sinne der Dezentralisation mehr Kompetenzen und Verantwortung an die untere Ebene delegiert. Mittlerweile liefern sich die Distrikte einen regelrechten Wettbewerb um die vorderen Plätze. Wer allerdings das Ziel verfehlt, der riskiert seinen Job.

Seither wird vorrangig in Infrastruktur, Bildung, Landwirtschaft und Gesundheit investiert. Im Gesundheitssektor kann Kagame, der bisher mit überragender Mehrheit wiedergewählt wurde, bereits verblüffende Ergebnisse vorweisen.

Dank eines breit angelegten und konsequent betriebenen Reformprogramms, das seit Jahren von der Schweiz gefördert wird, (während sich Österreich in Ruanda nicht engagiert), ist die Lebenserwartung in den vergangenen zwölf Jahren von 48 auf 58 Jahre gestiegen, die Müttersterblichkeit hat sich halbiert und die Kindersterblichkeit ging von 23 Prozent auf vier Prozent zurück.

Die Zahl der Gesundheitszen-tren wurde kräftig erhöht und auch der einst chronische Mangel an Pflegekräften, vor allem auf dem Land, ist zurückgegangen. "Man findet sowohl in den Städten auch auf dem Land leicht eine Stelle, unser Beruf ist angesehen", versichert Krankenschwester Olive Ahabarezi, die in der Stadt Rubengera am Kivu-See tätig ist. Geführt wird es von der presbyterianischen Kirche, die als privater Träger wie die staatlichen Gesundheitseinrichtungen öffentliche Gelder erhält.

Dominante Frauen

Frauen dominieren nicht nur als Krankenpflegerinnen den Gesundheitssektor, sie zeigen auch in anderen Branchen, vor allem als KMU-Gründerinnen in den größeren Städten, selbstbewusst Flagge. Das mag nicht überraschen, mussten sie doch nach dem Genozid, dem viele Männer zum Opfer gefallen waren, wohl oder übel den Lebensunterhalt ihrer Familien alleine bestreiten. Ruanda ist wohl das einzige Land Afrikas, in dem die Gleichstellung alleine durch die normative Kraft des Faktischen auch ohne Quotenregelung zur Realität wurde.

Ruanda und Ghana sind die einzigen Länder Afrikas, die eine Pflichtkrankenkasse nach europäischem Vorbild eingeführt haben. Während das ghanaische Modell vorsieht, dass alle Bewohner einzahlen, faktisch jedoch nur eine Minderheit Leistungen in Anspruch nehmen kann, hat sich in Ruanda das System bewährt.

Inzwischen gehört nahezu die gesamte Bevölkerung, sofern keine Privatversicherung vorhanden ist, der "Mutuelle de Santé" an. Die Jahresprämien sind einkommensbezogen, Bedürftige zahlen umgerechnet zwei Euro, mittlere Einkommen drei Euro und Begüterte sieben Euro. Verwaltet wird die Kasse auf Dorfebene durch gewählte Mitarbeiter. Ob jemand tatsächlich so verarmt ist, dass er gratis versichert werden kann, entscheidet die jeweilige Gemeinschaft.

Der staatliche Anteil stammt aus dem (stark fremdfinanzierten) Staatshaushalt, ergänzt durch Beiträge internationaler Geber, etwa Usaid, dem globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (UN) oder der Bill & Melinda Gates Stiftung. Gesundheitsdienste flächendeckend in Anspruch zu nehmen, ist dadurch in Ruanda erschwinglich geworden. Bill Gates hat dem Land vor einiger Zeit einen "beispielhaft effizienten Umgang mit Hilfsgeldern" bescheinigt.