Annie Ernaux brilliert mit dem Erinnerungsprojekt "Das Leben schreiben". - © Effigie/Leemage/afp
Annie Ernaux brilliert mit dem Erinnerungsprojekt "Das Leben schreiben". - © Effigie/Leemage/afp

"Rückkehr nach Reims", die im vorigen Jahr erschienene autobiografische Recherche des französischen Soziologen Didier Eribon, gilt als eine Art Buch der Stunde. Eribon beschreibt darin in durchaus komplexer Sprache, wie es kam, dass vor allem die Menschen in den wirtschaftlich gebeutelten Regionen Nordfrankreichs nicht mehr links, sondern mehrheitlich den rechten Front National wählen. Das Buch ist vieles zugleich: Herkunfts-, Befreiungs- und Aufstiegsgeschichte, Gesellschaftsanalyse. Man könnte sogar von einem neuem Genre sprechen: der Autosoziobiografie.

Dass diese Gattung in Frankreich seit längerem bemerkenswerte Bücher hervorbringt, zeigen "Die Jahre" von Annie Ernaux auf eindrückliche (und von Sonja Finck beeindruckend übersetzte) Weise. Im Original ist diese "unpersönliche Autobiografie" bereits 2008 erschienen, sie war in Frankreich enorm erfolgreich und bildet den Höhepunkt im Werk einer Autorin, das im deutschsprachigen Raum nur sehr sporadisch wahrgenommen wurde.

Erinnerungsliteratur

Ernaux, die hauptberuflich als Lehrerin tätig war, stammt ebenfalls aus Nordfrankreich und hat 2013 mit "Retour à Yvetot" zumindest im Titel die Eribon’sche Rückkehr vorweggenommen. Ihre vielfach ausgezeichneten Bücher sind allesamt mémoires und vor einigen Jahren gesammelt erschienen: "Écrire la vie", das Leben schreiben, heißt jener rund 1000 Seiten starke Band, zu dem auch die endlich übersetzten "Jahre" gehören. Man kann schon jetzt sagen: Ernaux’ Werk gehört zu den bedeutsamsten Exem-plaren einer "Erinnerungsliteratur" im weitesten Sinne.

"Sie will aus dem Abdruck, den die Welt in ihr und ihren Zeitgenossen hinterlassen hat, eine gesellschaftliche Zeit rekonstruieren, eine Zeit, die vor Langem begann und bis heute andauert - sie will in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen."

Die "Jahre" zwischen 1940 und 2008 sind demzufolge nicht die Jahre eines Ichs, sondern eines Man, eines Wir und allenfalls eines Sie der Verfasserin. Oder anders gewendet: Die persönliche Geschichte ist unauflöslich mit der allgemeinen Geschichte verbunden, und letztere ist vielfältiger Natur: Sie ist politische, gesellschaftliche, kulturelle, mentale Geschichte. Sie besteht aus Staatspräsidenten, Chansons, Filmen, Kriegen, technischen Entwicklungen, Glaubenssätzen und Regeln. "Die Jahre" sind der Versuch, die Jahrzehnte seit den 1940er Jahren in eine "kollektive Erzählung" zu fassen.