Verlässlich abwechslungsreich: die nicht uneitel benannten kanadischen Stars.
Verlässlich abwechslungsreich: die nicht uneitel benannten kanadischen Stars.

Wenn vom kanadischen Popwunder schon länger nichts mehr zu hören und zu lesen war, liegt das vor allem daran, dass man sich mittlerweile daran gewöhnt hat, dass aus dem Norden des amerikanischen Kontinents ein beständiger Strom an gehaltvoller Musik fließt, der das globale Pop-Klima entscheidend mit beeinflusst und reguliert. Keine Wirbelstürme, kein Tsunami, keine Überwältigungswellen, dafür eine solide Zufuhr frischer Klänge und Töne. Das war heuer nicht anders als in den Jahren zuvor, wie die - vielfach bereits vorgestellten - teils passablen, teils famosen Alben von Arcade Fire, Broken Social Scene, Feist, Dears, Wooden Sky oder Destroyer zeigten.

Im nunmehrigen Herbst gesellen sich die unverwüstlichen Stars hinzu, mit ihrem quicklebendigen Indie-Dance-Pop seit über 15 Jahren ein Garant für Beständigkeit. So auch auf "There Is No Love In Fluorescent Light", dem insgesamt achten Langalbum des Quintetts aus Toronto (jetzt in Montreal lebend). Die noch immer entzückend jungmädchenhaft klingende Stimme von Amy Millan darf sich mit dem kräftigeren virilen Organ von Torquil Campbell duettieren, durch zwölf abwechslungsreiche Songs hindurch, mal leichtfüßig-verspielt ("We Called It Love"), mal breitbeinig-stämmig ("The Maze").

Hat sein Singer/Songwriter-Spektrum erfreulich erweitert: Jordan Klassen aus Vancouver.
Hat sein Singer/Songwriter-Spektrum erfreulich erweitert: Jordan Klassen aus Vancouver.

Von Vancouver herüber ertönt die knabenhaft-zarte Stimme von Jordan Klassen, der auf seinem neuen Album, "Big Intruder", eine breite Palette an Tönen und Klangfarben ausprobiert, was sein Singer/Songwriter-Spektrum wohltuend erweitert. Zwei Songs - beide von majestätischer Erhabenheit und melodiöser Raffinesse getragen - stechen besonders hervor: "Sylvia Plath Girl" und der Titeltrack, "Big Intruder" (mit einem überraschenden Tempowechsel und Zwischenspiel, dem man Klassens Verehrung von Paul McCartney deutlich anhört).

Was für Kanada in Amerika, gilt für Skandinavien in Europa: Eine verlässliche nördliche Region, voller kleiner, feiner Pop-Manufakturen. Mehr als ein Bruder im Geiste von Jordan Klassen ist hier etwa der Norweger Jonas Alaska, der mittlerweile im Jahresrhythmus beachtliche Alben herausbringt. Heuer, Ende Oktober, "Fear Is A Demon", das trotz seines titelgebenden Leit- bzw. Leidthemas, der Angst, über weite Strecken eine erstaunlich fröhlich klingende Songsammlung geworden ist. Nach dem Schreiben schnell und intuitiv (großteils selbst) eingespielt und aufgenommen, bleiben von den zehn Nummern einige wegen emotionaler Eindringlichkeit ("Love You Right"), einige wegen verführerischer und catchy tunes ("Diamond In The Shadow", ebenfalls von unüberhörbarer Beatles-Liebe durchströmt) in Erinnerung.