Eine Ménage à trois, ein Kind, das Zeichnen und immer zu wenig Geld: Wie lässt sich das unter einen Hut bringen? - © Suhrkamp
Eine Ménage à trois, ein Kind, das Zeichnen und immer zu wenig Geld: Wie lässt sich das unter einen Hut bringen? - © Suhrkamp

"Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein", der neue Comic der in Berlin lebenden österreichischen Zeichnerin Ulli Lust, schließt ästhetisch wie autobiografisch an den 2009 erschienenen Comicroman "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" an. Was ihren ersten grafischen Roman ausgezeichnet hatte, der schonungslose, unaufgeregt genaue Blick, kommt auch im neuen Roman bestens zur Geltung. Dazu erlaubt sich die Zeichnerin für ihre dokumentarische Erzählweise die nötige Zeit und mit gut 360 Seiten den nötigen Raum.

Nach den Aufzeichnungen ihrer düsteren Punk- und Aussteigerinnen-Erlebnisse ihres jugendlichen Alter Egos hat die 1967 Geborene zuletzt Marcel Beyers kunstvoll gestrickten Roman über die Nazizeit, "Flughunde", feinsinnig als Comic inszeniert. Nach dieser vielleicht nötigen autobiografischen Pause ist die Zeichnerin nun wieder zu ihrer eigenen Geschichte zurückgekehrt.

Immer diese "Scheißlibido!!!"

Anfang der 1990er Jahre. Die inzwischen 22-jährige Ulli hat einen siebenjährigen Sohn, der bei ihren Eltern in der Provinz aufwächst und den sie wochenends besucht. Sie selbst lebt arbeitslos in Wien und versucht, nachdem sie an Wiener Kunstschulen abgelehnt wurde, einen Verlag für ihre Illustrationen zu einem Kinderbuch zu finden. Ihr Freund Georg, der sich auch bei ihren Eltern zu Hause als vorzeigbar erweist, ist Schauspieler einer freien Theatergruppe, vermittelt ihr kleine Jobs und lässt sie an der Luft der Künstlerwelt schnuppern.

Die Beziehung zwischen Ulli und dem fast 20 Jahre älteren Georg hat zwar väterlichen Charme, doch die komplementären und gegenseitig ansteckenden Eigenschaften ihrer Leichtigkeit und Lebensfreude sowie seiner Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit verknüpfen sich in der wechselseitigen Begeisterung für ein künstlerisches Leben zu einer starken Wahlverwandtschaft. Fehlt nur noch eins: der Sex. Denn der ist, für Ulli zumindest, nicht erfüllend: Wie soll sie, wenn unwillkürlich die Fantasien und Begierden mit ihr durchgehen, damit umgehen? "Scheißlibido!!!" Wie kann sie diesem brennenden Bedürfnis begegnen, ohne das Vertrauen ihres Geliebten zu missbrauchen und ohne es auf ihre eigenen Kosten zu unterdrücken?

Dass Georg ihrem Unbehagen mit Überlegungen einer freien Beziehung zuvorkommt, ist ein Glücksfall. Und so gestatten sich die beiden eine offene sexuelle Beziehung, die Ulli ebenso erleichtert wie virtuos umsetzt. Mit der Liebesbeziehung zu Georg verknüpft sie eine Lustbeziehung zu Kimata, einem Asylwerber aus Nigeria, zu einer Ménage-à-trois, die länger als nur einen Augenblick gelingt und anhält.